Die schlaflose Gesellschaft

„Die Schlaflose Gesellschaft“ heißt Michael Heuers neuester 45-Minuten-Film, den der Norddeutsche Rundfunk erfreulicherweise letzte Woche sendete. Er begleitet mehrere Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, teilweise seit Jahren. Alle beschreiben den Stress, der sie nachts wachhält und so ihre Erholung verhindert. Der Stress kommt oder kam vom Arbeitsplatz und reicht von psychischem Druck bis zur Schichtarbeit.

 Schichtarbeit und Schlafstörungen

Tatsächlich führt gerade Schichtarbeit extrem häufig zu Schlafstörungen, vor allem dann, wenn sie auch Nachtschichten enthält. Der Mensch ist nun mal nicht gemacht für Nachtarbeit. Viele kommen richtig schlecht damit klar, einige besser – aber vorbeugen kann man in jedem Fall. So hilft es, wenn man die Nachtarbeit sehr gut vorbereitet und begleitet, und es hilft, wenn das Schichtsystem an die Innere Uhr der Betroffenen angepasst wird.

An der Inneren Uhr schrauben lässt sich jedenfalls kaum. Sie ist verantwortlich, dass so viele Leute die Nachtarbeit nicht gut vertragen. Deshalb sollten Menschen nur dann nachts arbeiten, wenn es wirklich unumgänglich ist. Das ist bei uns ziemlich anders. In einigen Punkten sind wir alle beteiligt: Je mehr 24-Stunden-Service wir als Gesellschaft erwarten und in Anspruch nehmen, umso mehr Menschen „müssen“ nachts arbeiten, um diesen Service zu bieten. Schlafstörungen bei vielen inbegriffen.

Zwei Formen der „Schlaflosigkeit“

Diese 24-Stunden-„Normalität“ ist ein besonderer Aspekt der „schlaflosen Gesellschaft“, und er wäre einen weiteren Film wert. Heute halten es viele für cool, nachts hochaktiv zu sein und insgesamt so wenig wie möglich zu schlafen. Darauf weist in Heuers Film der Arzneimittelforscher Gerd Glaeske hin, und er benennt die Folgen: Es verleitet die Leute zur Chemie. Wollen sie wach sein, schlucken sie Muntermacher, wollen sie schlafen, greifen sie zu Schlafmitteln. Andere sind aus Schlafmangel einfach ständig müde. Dazu habe ich in diesem Blog schon geschrieben.

Kann man Schlafstörungen loswerden?

Ob Schlafstörungen oder absichtlicher Schlafmangel, die Folgen sind gleich: die Leute sind müde. Die Menschen mit Schlafstörungen ordnen das korrekt zu: sie würden gerne mehr schlafen. Kollege Weeß aus Klingenmünster erklärt, dass sie das schaffen könnten. Ein wichtiger Schritt ist, dass sie anders darüber denken. Es beginnt damit, dass sie Ruhe und Entspannung als Bestandteil des Tages erleben. Gelingen wird das nicht auf Knopfdruck oder Befehl, es verlangt systematisches Training. Die Kommentare auf der ndr-Seite allerdings illustrieren: Immer noch sind Menschen mit Schlafstörungen völlig desillusioniert. Mehr dazu demnächst.

Der Film

Michael Heuer hat einen sehr eindringlichen Film gedreht. Er zeigt darin, was Schlafstörungen anrichten. Und er zeigt Punkte, an denen man gegensteuern könnte. Manchmal hilft nur noch, den Job zu wechseln. Im Film schult der Ex-Banker auf Erzieher um. Vielleicht steckt er ein paar Ex-Kollegen an?

Die „Entkriminalisierung“ des Schlafs

Neu ist es nicht, dass Schlaf als Zeitverschwendung betrachtet wird, als überflüssig oder einfach lasziv. Seit Jahrhunderten versprechen sich Menschen, religiös oder spirituell weiterzukommen, wenn sie weniger schlafen. Seit jedoch Calvin und andere Protestanten der strengeren Provenienz in Mittel- und Nordeuropa an Einfluss gewannen, begann man, den Schlaf generell zu verachten. Max Weber weist darauf hin. In seiner 1912 erschienenen Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ arbeitet er heraus, dass dieser Ethik gemäß ein gottgefälliges Leben mit Arbeit gefüllt ist, was sich im finanziellen Erfolg widerspiegelt. Mit dabei: wenig Schlaf. Max Weber zitiert Richard Baxter, einen Puritaner aus dem 17. Jahrhundert, der schreibt: „Zeitverlust durch Geselligkeit, »faules Gerede«, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich.“

Mit der „Sittlichkeit“ haben wir es heute nicht mehr so. Und dennoch gilt viel Schlaf als unmoralisch, ja bereits Baxters „sechs bis acht Stunden“ sprechen vielen schon für zweifelhafte Leistungsbereitschaft. Sie bewundern Leute, die wenig schlafen, gerne auch selbst – einige Einträge in diesem Blog befassen sich bereits damit.

Olaf Tscharnezki hat diese Negativhaltung wunderbar auf den Begriff gebracht: „Kriminalisierung des Schlafs“. Tscharnezki ist kein Spinner und kein Mitglied der Müßiggänger-Fraktion. Er ist Betriebsarzt, und zwar bei Unilever. Dort betreibt er, wie er in einem Interview für die „Initiative neue Qualität der Arbeit“ erklärt, die „Entkriminalisierung von Schlaf“. Konkret: Er hat in der Hamburger Zentrale eine „Ruheoase“ eingerichtet. Dort „dürfen“ sich Mitarbeiter erholen und sogar ein kleines Tagschläfchen halten, ohne gleich schief angeschaut zu werden. Tscharnezki konnte das durchsetzen, weil die Leute vor wenigen Jahren massiv vom Stress geplagt waren – 60 Prozent, fast zwei von drei Mitarbeitenden, klagten damals über schlechten Schlaf.

Nun können Schlafstörungen vielerlei Gründe haben. Doch sehr oft haben sie tatsächlich mit Stress am Arbeitsplatz zu tun. Der steigt, wenn die Leute über den Tag von ihrem Anspannungspegel nicht herunterkommen, und er steigt noch mehr, wenn sie abends an ihren Schreibtischen festkleben. Wer so arbeitet, kann abends nur schwer abschalten. Doch ausgerechnet Abschalten ist unerlässlich, um gut zu schlafen. Schlafen heißt, dass der Kopf „herunterfährt“. Das tut er nicht auf Befehl und schon gar nicht schnell. Dafür braucht er Zeit, und, wenn man so will, Übung: das sind die Pausen während des Tages. Möglicherweise in der Ruheoase.

So kommt Ihr Kind gut durch die Schule — 30 Tipps für Eltern

Soeben ist mein neuestes Buch erschienen, diesmal für Eltern. Das scheint mir ein guter Anlass, dieses Weblog wieder aufzunehmen, das eine Zeitlang leider ein wenig schlafen (sic!) musste.

Cover Knab_So_kommt_Ihr_Kind_gut_durch_die_Schule

In vier Teilen und insgesamt 30 Kapiteln geht es in diesem Buch um typische Fragen, mit denen sich Schülereltern beschäftigen. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Kinder gut durch die Schule begleiten wollen. Also so, dass die Kinder wenig Schulstress erleben, nicht unter Schulangst leiden und sich vor allem darüber freuen können, ständig ihre Kompetenzen zu erweitern. Soziale und kognitive Kompetenzen, die Emotionales immer einschließen. Mit dabei ist außerdem das Wichtigste zum Lernen aus der Neurowisssenschaft, insbesondere aus der Schlafforschung.

Der erste Teil beschäftigt sich mit Unterricht und Schulleben aus Sicht der Schüler, der zweite mit Schlafen und Wachen zwischen Kindheit und Pubertät, der dritte mit selbstständiger geistiger Arbeit und der vierte mit wichtigen allgemeinen Lebensthemen, die Schulleistungen beeinflussen können.

Ich habe in diesem Buch zusammengeführt, womit ich mich immer schon wissenschaftlich beschäftigt habe: Schlaf und Kognition, außerdem Neuropsychologie und klinische Psychologie. Das Inhaltsverzeichnis finden Sie hier, die ausführliche Literaturliste hier.

In der Münchner Volkshochschule halte ich einen Vortrag zum Thema am 12. März 2013, in der Volkshochschule Nord (nördlicher Landkreis München) je einen am 13. März und am 25. April, genaue Adressen und Uhrzeiten hier.

Einsam wacht die Chefetage

Albert Einstein und Johann Wolfgang von Goethe hätten im Deutschland von 2011 wenig Aussicht auf eine herausragende Position, egal in welcher Branche. Die beiden beharrten nämlich auf ihrem täglichen Zehn-Stunden-Schlaf. So jemand, versichert zumindest jede dritte der 500 Highest-Level-Führungskräfte Deutschlands, die das Allensbacher Institut kürzlich in seinem „Capital-Spitzenkräfte-Panel“ befragte, wird es gar nicht erst in die höheren Hierarchieebenen deutscher Institutionen schaffen.

Die Chefs bzw. Spitzenkräfte aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung selbst jedenfalls schlafen regelmäßig weniger, als sie gerne schlafen würden – im Durchschnitt kommen sie auf sechs Stunden und sechzehn Minuten. Kann das ausreichen? Oder umgekehrt: Hat das Folgen? Immerhin schlafen sie damit ziemlich exakt eine Stunde weniger als die Deutschen allgemein – und wer als Medium über die Meldung berichtet, sagt meist „Deutsche Chefs schlafen zu wenig“. Dabei blieb es dann meistens.

Leider ist der kurze Schlaf keineswegs das Privatproblem der „Spitzenkräfte“, selbst wenn sie ihren Schlaf „nur“ absichtlich kappen und (noch) keine Schlafstörungen haben (deren Häufigkeit steigt linear mit der Arbeitsbelastung). In den letzten Jahren hat sich die Schlafforschung nämlich intensiv damit beschäftigt, was der gute Schlaf mit mentalen Fähigkeiten zu tun hat, mit kognitiven wie emotionalen. Und das ist eine ganze Menge. Wer immer zu Protokoll gibt, gerne „mehr zu schlafen“, tut das, weil er oder sie sich tagsüber müde oder sehr müde fühlt. So jemand leidet unter chronischem Schlafmangel.

Eine ganze Reihe experimenteller Studien hat empirisch überprüft, was dabei passiert (ein relativ aktuelles Beispiel hier, über weitere werde ich sukzessive an dieser Stelle berichten). Das Ergebnis: Die geistige Leistung sinkt teilweise erheblich, Entscheidungen werden zufälliger getroffen. Abgesehen davon, dass die Stimmung der Betroffenen leidet. Da nun die Leistungsanforderungen gerade von „Spitzenkräften“ zweifellos mentaler Natur sind, sollten wir alle ein Interesse daran haben, dass diese Leute ausgeschlafen sind. Die Folgen der schläfrigen Chefetage baden nämlich alle aus: Von falschen Entscheidungen über erstaunliche Kommunikationsweisen bis hin zu gesundheitlich riskanten und inhaltlich inadäquaten Anforderungen an Mitarbeiter. Nicht zuletzt solche, über die wir auf der „Permanent-online?!“-Tagung in Tutzing gesprochen haben – siehe Eintrag vom 31.7.

Es hilft nichts: Wenig schlafen ist weder heldenhaft noch ehrenvoll und schon gar nicht intelligent. Es macht statt dessen dumm und unflexibel. Auch Chefs. Irgendwann dazu mehr in diesem Blog.

Dass es nebenbei auch noch krank macht, steht auf einem anderen Blatt (dazu hat Burkhart Röper schon ein paar Worte auf seinem Blog verloren) .

Pläne

In diesem Weblog möchte ich das eine oder andere Forschungsergebnis der Psychologie diskutieren. Nun ist Wissenschaft immer im Fluss und betrachtet auch Altbekanntes gelegentlich unter neuen Blickwinkeln. Dann prüft sie es erneut empirisch, manchmal pfiffiger oder ertragreicher als früher. Insofern diskutiere ich auch „gesichertes Wissen“ immer wieder neu. Vorläufig möchte ich mich auf meine Spezialgebiete konzentrieren, die Chronobiologie, Schlaf oder Schlafstörungen berühren. Die Grundlagen dafür stehen in meinen Büchern, Näheres dazu auf meiner Webseite.