Die „Entkriminalisierung“ des Schlafs

Neu ist es nicht, dass Schlaf als Zeitverschwendung betrachtet wird, als überflüssig oder einfach lasziv. Seit Jahrhunderten versprechen sich Menschen, religiös oder spirituell weiterzukommen, wenn sie weniger schlafen. Seit jedoch Calvin und andere Protestanten der strengeren Provenienz in Mittel- und Nordeuropa an Einfluss gewannen, begann man, den Schlaf generell zu verachten. Max Weber weist darauf hin. In seiner 1912 erschienenen Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ arbeitet er heraus, dass dieser Ethik gemäß ein gottgefälliges Leben mit Arbeit gefüllt ist, was sich im finanziellen Erfolg widerspiegelt. Mit dabei: wenig Schlaf. Max Weber zitiert Richard Baxter, einen Puritaner aus dem 17. Jahrhundert, der schreibt: „Zeitverlust durch Geselligkeit, »faules Gerede«, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich.“

Mit der „Sittlichkeit“ haben wir es heute nicht mehr so. Und dennoch gilt viel Schlaf als unmoralisch, ja bereits Baxters „sechs bis acht Stunden“ sprechen vielen schon für zweifelhafte Leistungsbereitschaft. Sie bewundern Leute, die wenig schlafen, gerne auch selbst – einige Einträge in diesem Blog befassen sich bereits damit.

Olaf Tscharnezki hat diese Negativhaltung wunderbar auf den Begriff gebracht: „Kriminalisierung des Schlafs“. Tscharnezki ist kein Spinner und kein Mitglied der Müßiggänger-Fraktion. Er ist Betriebsarzt, und zwar bei Unilever. Dort betreibt er, wie er in einem Interview für die „Initiative neue Qualität der Arbeit“ erklärt, die „Entkriminalisierung von Schlaf“. Konkret: Er hat in der Hamburger Zentrale eine „Ruheoase“ eingerichtet. Dort „dürfen“ sich Mitarbeiter erholen und sogar ein kleines Tagschläfchen halten, ohne gleich schief angeschaut zu werden. Tscharnezki konnte das durchsetzen, weil die Leute vor wenigen Jahren massiv vom Stress geplagt waren – 60 Prozent, fast zwei von drei Mitarbeitenden, klagten damals über schlechten Schlaf.

Nun können Schlafstörungen vielerlei Gründe haben. Doch sehr oft haben sie tatsächlich mit Stress am Arbeitsplatz zu tun. Der steigt, wenn die Leute über den Tag von ihrem Anspannungspegel nicht herunterkommen, und er steigt noch mehr, wenn sie abends an ihren Schreibtischen festkleben. Wer so arbeitet, kann abends nur schwer abschalten. Doch ausgerechnet Abschalten ist unerlässlich, um gut zu schlafen. Schlafen heißt, dass der Kopf „herunterfährt“. Das tut er nicht auf Befehl und schon gar nicht schnell. Dafür braucht er Zeit, und, wenn man so will, Übung: das sind die Pausen während des Tages. Möglicherweise in der Ruheoase.

So kommt Ihr Kind gut durch die Schule — 30 Tipps für Eltern

Soeben ist mein neuestes Buch erschienen, diesmal für Eltern. Das scheint mir ein guter Anlass, dieses Weblog wieder aufzunehmen, das eine Zeitlang leider ein wenig schlafen (sic!) musste.

Cover Knab_So_kommt_Ihr_Kind_gut_durch_die_Schule

In vier Teilen und insgesamt 30 Kapiteln geht es in diesem Buch um typische Fragen, mit denen sich Schülereltern beschäftigen. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Kinder gut durch die Schule begleiten wollen. Also so, dass die Kinder wenig Schulstress erleben, nicht unter Schulangst leiden und sich vor allem darüber freuen können, ständig ihre Kompetenzen zu erweitern. Soziale und kognitive Kompetenzen, die Emotionales immer einschließen. Mit dabei ist außerdem das Wichtigste zum Lernen aus der Neurowisssenschaft, insbesondere aus der Schlafforschung.

Der erste Teil beschäftigt sich mit Unterricht und Schulleben aus Sicht der Schüler, der zweite mit Schlafen und Wachen zwischen Kindheit und Pubertät, der dritte mit selbstständiger geistiger Arbeit und der vierte mit wichtigen allgemeinen Lebensthemen, die Schulleistungen beeinflussen können.

Ich habe in diesem Buch zusammengeführt, womit ich mich immer schon wissenschaftlich beschäftigt habe: Schlaf und Kognition, außerdem Neuropsychologie und klinische Psychologie. Das Inhaltsverzeichnis finden Sie hier, die ausführliche Literaturliste hier.

In der Münchner Volkshochschule halte ich einen Vortrag zum Thema am 12. März 2013, in der Volkshochschule Nord (nördlicher Landkreis München) je einen am 13. März und am 25. April, genaue Adressen und Uhrzeiten hier.

Immer erreichbar für die Chefs?

Permanent Online?!, fragte die Evangelische Akademie Tutzing Ende Juni 2011 mit einer Tagung (Materialien hier). Führungskräfte, Berater jeder Art und Betriebsräte diskutierten ausgiebig. Die Zeit dafür war reichlich bemessen, nach den Vorträgen des ersten und in den Workshops des zweiten Tages, vor allem aber in den tutzing-typischen Zeiten dazwischen.

Die Vorträge zeigten, unter welchem zeitlichen Druck zumindest Fach- und Führungskräfte in den Firmen heutzutage stehen, und wie das mit dem gestiegenen psychischen Druck zusammenhängt – Stichwort Burnout.  Die Arbeitszeitgesetze etwa greifen nicht und sind überdies in manchen Punkten vorsintflutlich. So gilt es formal als Arbeitszeit, wenn mich mein Chef abends um zehn anruft. Ab diesem Zeitpunkt müssen eigentlich elf Stunden vergehen, bis ich wieder für die Firma tätig werde. Das ist, gelinde gesagt, illusorisch, wird also ignoriert. Zeitgemäße Lösungen müssten anders aussehen. Die einzige Chance, so Robert Fischer vom Gesamtbetriebsrat der Allianz, sind firmeninterne Vereinbarungen. Insofern sind Smartphone, E-Mail & Co. samt der flexiblen Arbeitszeit angenehm, aber sie haben eine Kehrseite. Die ist erstmal organisatorisch und kulturell, nicht technisch: Seit es möglich ist, ständig erreichbar zu sein, wird es auch erwartet, im Zweifel 24 Stunden. Damit wird es zunehmend schwieriger, überhaupt ein Privatleben zu pflegen; ganz zu schweigen davon, es von der Arbeit getrennt zu halten.

Insofern war es geradezu rührend, dass Daniel Leicher, eingeladener “Digital Native” und frischgebackener Abiturient, einerseits genau das als völlig selbstverständliche Anforderung an seinen späteren Job formulierte: Trennung von Arbeit und Privatleben. Andererseits, bei “Facebook vorbeischauen” zu dürfen, wann immer er das wolle. Auf die Frage, wie viele Stunden er denn genau online sei, antwortete er absolut verständnislos: “Das kann ich nicht sagen, wir gehen nicht ins Netz, wir sind immer drin”. In seinem Blog nennt er diese Frage später “konfus”. Ich allerdings musste schmunzeln, weil mir die gleiche Frage auf der Zunge gelegen hatte: Schließlich wird (und kann) es kein Chef zulassen, dass ein Mitarbeiter während der Arbeitszeit “ständig” nebenbei auch noch privat online ist, digitaler Eingeborener hin oder her.

Was die Tutzinger Organisatoren um Philip Büttner und Martin Held “Erreichbarkeitsökonomie” getauft hatten, ist tatsächlich weniger eine Frage des Internets als der Menschen bzw. der Psychologie. Das Internet ist da, wie Richard Gutjahr richtig formuliert hatte. That’s it. Ich persönlich finde, es wird von beiden Extremen überschätzt: Von denen, die es schlecht bedienen können und deshalb Angst davor haben, genauso wie von denen, die befürchten, einen Tag ohne ihre sozialen Netzwerke nicht zu überleben. Die Frage ist: Wie gehen wir als Menschen damit um? Lassen wir unser Leben und Arbeiten von dem diktieren, was technisch möglich ist? Oder überlegen wir uns vorher, was wir als Menschen brauchen, um gesund zu leben und produktiv zu arbeiten? Das ist keine Frage des Internets; es sind Fragen der Biologie und der Psychologie.

Folgerichtig diskutierten die meisten Workshops tendenziell psychologische Fragen. In meinem eigenen Workshop stellte ich anhand einiger Beispiele vor, wie wir Psychologen Leistung testen und wie biologische Rhythmen geistige Leistung beeinflussen. Einerseits geht es dabei um die Folgen von Schlafmangel, andererseits direkt um Tageszeitenrhythmen. Wir beschäftigten uns auch mit Pausen, die zwar Tätigkeiten unterbrechen – sinnvollerweise nach etwa anderthalb Stunden -, aber letztlich die Leistung erhöhen. Wobei ein Anruf oder eine E-Mail eine erzwungene Unterbrechung sind und gerade keine Pause. Und schließlich mit dem Thema, das letztlich eine Mischung aus Chronobiologie und klassischer Psychologie ist: Multitasking. Immer wieder wird es gefordert und die sogenannte Multitasking-Fähigkeit als Inbegriff höherer Intelligenz gepriesen. Dabei bestätigt die Psychologie seit den Anfängen der Aufmerksamkeitsforschung, dass “dual tasking” und vor allem Multitasking Leistungen grundsätzlich beeinträchtigt. Erst kürzlich ging der schöne Titel über den Ticker des idw (Informationsdienst Wissenschaft): Beim Multitasking sind alle gleich – schlecht.