„Einzig und allein mein Fehler“ – Chronobiologie einer Entscheidung

Eine „Osterruhe“ hatten sie geplant, Kanzlerin und MPs, um die dritte Corona-Welle in den Griff zu bekommen. Dann der Knall: gestern mittag nahm Angela Merkel das Ganze zurück. Am Tag nach der überlangen Digitalsitzung hatte die Verwaltung festgestellt, dass sich fünf statt drei „Osterfeiertage“ rechtlich nicht organisieren lassen. Abgesehen davon, dass eine Maßnahme mit zehn Tagen Verzögerung sowieso nicht mehr das bewirken kann, was man vielleicht an Tag Null erwarten könnte.

Chronobiologie und die Osterruhe-Entscheidung

Nun geht es auf diesem Blog vorrangig um Schlaf und Chronobiologie, nicht um Mathematik oder Epidemiologie. Doch das Wissen aus Schlaf und Chronobiologie hat etwas ziemlich Basales beizutragen zu dieser „Osterruhe“-Geschichte und der Tatsache, dass sie in der Nacht erfunden wurde. Das ist noch dazu extrem gut abgesichert. Es will bloß selten jemand hören – Stichwort 24/7-Gesellschaft.

Kanzlerin Merkel und die MPs trafen sich natürlich digital, und zwar am frühen Nachmittag. Mehr als zwölf Stunden später – sie hatten erheblich länger getagt, als nach Arbeitsschutzgesetz zulässig – gingen sie vor die Presse und berichteten unter anderem über die „neuen“ Feiertage. Es war halbdrei Uhr nachts.

Tageszeiten, Müdigkeit und Chronobiologie

Leider sind die zwei Stunden um halbdrei nachts herum chronobiologisch ungefähr der allerschlimmste Zeitraum, um geistig leistungsfähig zu sein. Da ist die Körpertemperatur am niedrigsten, die Stimmung schlechter als sonst und die Denkfähigkeit sowieso im Keller. Nicht einmal gesunde Abendtypen sind da noch fit. Um diese Zeit machen Menschen die meisten Fehler, egal bei welcher Tätigkeit. Sogar fast alle großen Katastrophen, die auf „menschliches Versagen“ zurückgingen, fanden um diese Tageszeit statt – von Tschernobyl und Exxon Valdez bis zu den meisten spektakulären Verkehrsunfällen. Grund: Unaufmerksamkeit wegen Müdigkeit und Mikroschläfchen. Natürlich versuchen immer einige „vorzuschlafen“. Leider funktioniert das nicht wirklich: Schlaf lässt sich nicht bunkern. Die Literatur dazu habe ich mal auf ZEIT-online zusammengefasst.

Kein Zeitpunkt für Entscheidungen – Übermüdet vor Milano Centrale

Außerdem waren um halbdrei (fast?) alle seit mehr als 20 Stunden wach. Nach so langer Zeit ist die Konzentration bereits unabhängig von der Tageszeit schlechter. Wer 21 Stunden wach war, ist so leistungsfähig wie mit 0,65 Promille Alkohol im Blut. Darf man damit noch Autofahren? Seit 2001 nicht mehr, und das mit Recht. Nach 22 Stunden bringt man es auf eine Konzentration wie bei 0,8 Promille Alkohol (genauer: hier). Damit durfte man seit 1973 nicht Autofahren.

Nächtliche Entscheidungen oft schlecht

Deshalb wundert es mich nicht sonderlich, wenn in einem solchen mentalen Zustand niemand wirklich rauszufinden versucht, ob es überhaupt machbar ist, mal schnell einen zusätzlichen „Feiertag“ zu dekretieren. Egal wie „hochkarätig“ und „leistungsstark“ Politiker sein mögen: Sie sind Menschen, also biologische Wesen und keine Maschinen. Auch ihr Urteilsvermögen ist um halbdrei nachts erheblich schlechter als tagsüber. Jetzt hat sich Merkel entschuldigt, eine durchaus noble Geste. Besser wäre, alle hätten sich verpflichtet, kürzer zu tagen. Noch besser: nachts schlafen gehen. Damit sie danach mit klarem Kopf entscheiden können. Doch dieser Zug der biologischen Vernunft scheint abgefahren.

Sonne, Licht und Chronobiologie

Morgensonne in Varanasi, Uttar Pradesh, Indien – gerade am Aufgehen

Kāshi, Benāres oder Varānasi – die Stadt mit den drei Namen am Ufer der Ganga (auf Deutsch: Ganges) ist seit mehr als 5000 Jahren ununterbrochen bewohnt. Und seit damals feiern dort täglich Menschen den Sonnenaufgang als spirituelles Ereignis, nicht einige, sondern Tausende. „An kaum einem Ort in der Welt“, schreibt Diana Eck in ihrem Standardwerk „Banāras – City of Light“, „kann man etwas wie den Glanz erleben, den die Sonne ausstrahlt, wenn sie über dem Fluss aufgeht.“ In Indien ist Varānasi, die „Stadt des Lichts“, einer der heiligsten Orte überhaupt. Und weltweit sind viele solcher Orte den Menschen ähnlich heilig.

Nicht sehr viel später – die Sonne in Varanasi

Das Licht der Sonne

Bevor es elektrisches Licht gab, kam das Licht von der Sonne und nur von ihr. Die Sonne „verursacht“ nicht nur, was wir als Tag und Nacht sehen und erleben, sie ermöglicht das Leben auf der Erde überhaupt. So wurde sie als Quelle des Lebens auch religiös verehrt (später wurde sie zur weiblichen Gottheit, noch später zur männlichen). Auf der ganzen Welt feiern oder feierten Menschen die Sonne, in Kāshi-Varanasi oder am Gipfel des Samanaḷa Kanda (Adam‘s Peak) auf Sri Lanka, in Mesopotamien oder Ägypten, in Japan oder Süd-Amerika, im englischen Stonehenge oder in Pömmelte-Zackmünde bei Magdeburg.

In Pömmelte hat man vor einiger Zeit die Fundamente einer Rundanlage ausgegraben, die inzwischen als das mitteleuropäische Stonehenge gilt: 4.300 Jahre alt und in gleicher Weise wie Stonehenge auf den Stand der Sonne vor allem zu den Sonnenwenden ausgerichtet. Nur war Pömmelte nicht aus Steinen gebaut, sondern aus Holz – weshalb man nu Licht und Finsternis r die Fundamente ausgraben konnte. Darauf hat man dann die Anlage quasi als Museum neu errichtet.

Licht und Finsternis

Die drei monotheistischen Religionen ehren die Sonne nicht (mehr), aber sie benutzen Lichtmetaphern. Die hebräische Genesis berichtet lapidar-wuchtig, wie Jahwe das Licht erschuf (Joseph Haydn hat das in seinem Oratorium „Die Schöpfung“ kongenial in Musik übersetzt). Jesus bezeichnet sich selbst und seine Anhänger als „Licht der Welt“. Und im Koran hat der Glaube selbst Lichtqualitäten.

Alle drei sehen die Dunkelheit tendenziell negativ, die beliebte Übersetzung „Finsternis“ lässt einen sowieso frösteln. Wen wundert‘s, dass unsere Vorfahren diese Finsternis „vertreiben“ wollten? Zuerst im übertragenen Sinne, dann auch praktisch. Mit dem elektrischen Licht haben wir Menschen es „geschafft“, die Natur mal wieder flächendeckend zu „besiegen“. Nebenwirkungen wie üblich eingeschlossen.

Chronobiologie – die Biologie der Zeit

Die Chronobiologie untersucht, wie biologische Organismen auf die Zeit der Erde reagieren, allem voran, wie es sich mit dem Schlaf verhält, aber auch mit anderen physiologischen und psychologischen Variablen. Die Zeit, die wir wahrnehmen, beruht darauf, dass sich die Erde in 24 Stunden einmal um sich selbst dreht und dabei immer nur teilweise von der Sonne beschienen wird. Ergebnis: Licht und Dunkelheit wechseln sich regelmäßig ab.

Die Chronobiologie ist jünger als die Schlafforschung, und über einige chronobiologische Ergebnisse habe ich in diesem Blog schon berichtet. Das Wichtigste: Wir sind evolutionär so an den Wechsel von Tag und Nacht angepasst, dass wir beides brauchen, helles Licht, mäßiges Licht und Dunkelheit, und deren regelmäßige Abfolge. Wir brauchen morgens helles Licht, um wirklich wach zu werden, am besten die Sonne. Tagsüber brauchen wir es genauso, nur dann bleiben wir wach, emotional ausgeglichen und geistig fit.

Auch Dunkelheit ist biologisch notwendig

Umgekehrt brauchen wir auch die Dunkelheit, um gut zu schlafen, und dafür taugt die Nacht besser als jede technische Verdunkelung. Folgerichtig ist die übliche nächtliche Beleuchtung Gift für alle Lebewesen. Der (auch) chronobiologische Fachbegriff: Lichtverschmutzung (hier die Einleitung des in der SZ zitierten PNAS-Heftes). Es stört zwar manche Zeitgenossen nicht weiter, dass es auch unsere Lichtverschmutzung ist, die Insekten umbringt; doch sie macht uns halt auch selber krank, was die Chronobiologie längst belegt hat.

Die Lichter in Nachbars Garten – Horror für die Fauna

Trotzdem ist das chronobiologische System nicht starr, deshalb können wir gefahrlos eine Nacht durchmachen oder über Zeitzonen hinweg reisen. Heute allerdings überdehnen wir diese Flexibilität meistens – jedenfalls außerhalb von Corona. Aber dieses Virus ist auch chronobiologisch eine andere Geschichte.


Schlafblog, Corona und das Leben

Seit einem Jahr habe ich hier nichts geschrieben, Corona hat mir ein bisschen die Schlaf-Sprache verschlagen. Nachdem uns Covid19 aber noch länger begleiten wird, Impfstoffe hin oder her, fange ich wieder an. Abgesehen davon, dass diese Corona-Erkrankung nicht die letzte Zoonose sein wird.

Positiv an dieser Seuche erscheint mir, dass die Leute nicht arbeiten gehen, wenn sie krank sind, außer vielleicht ins sogenannte Home-Office. Außerdem meldet die Ärzteschaft, dass es heuer kaum Grippefälle gibt, was auf die AHA-Regeln zurückgehen dürfte – Abstand, Händewaschen und Atemmasken halten offenbar auch andere Kleinstlebewesen davon ab, von einem Menschen zum nächsten zu hüpfen.

Corona psychologisch

Das Bild der Seuche – die Maske

Der Rest ist weniger schön: die staatlichen seuchenpolitischen Maßnahmen strangulieren die Profi-Kultur (während der Profi-Fußball weitergeht, das verstehe, wer will), Soloselbständige und kleinere Unternehmen werden pleite gehen, Paketfluten, häusliche Gewalt und Armut haben schon zugenommen, Verschwörungstheorien auch.

Vermutlich kann man es nicht wirklich richtig machen, schon deshalb möchte ich noch weniger als sonst in der Haut der Regierenden stecken. Eins könnten sie aber sehr wohl vielleicht nicht völlig richtig, aber doch erheblich besser machen: die offizielle Kommunikation, allem voran, wie die Public-Health-Maßnahmen begründet werden – denn das ist definitiv nicht professionell genug. Und wenn Quarantäne-Pflichtige von den Gesundheitsämtern Briefe bekommen, die sich lesen, als kämen sie direkt aus einer wilhelminisch-obrigkeitsstaatlichen Schreibstube, dann unterminiert das in mehr als fahrlässiger Weise, was unerlässlich ist: Eigenverantwortung.

Neuer Untertitel für mein Schlafblog

Was ich erstaunlich finde: Vor einem Jahr wären sicher die wenigsten Landsleute auf die Idee gekommen, in der besten aller Welten zu leben. Heute scheinen sie sich flächendeckend danach zu sehnen, dass alles wieder wird wie „früher“.

Da traf man sich und fiel sich in die Arme und um den Hals, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob unter den Viren & Co., die man weitergab, vielleicht auch gefährliche sein konnten. Manche sahen ihren Lebenssinn im „Feiern“, und wer Lust hatte, flog für 20 Euro nach „Malle“ oder für ein paar mehr nach New York. Und so kam es, dass viele Menschen Shoppen, Feiern, Wellness, Lifestyle und Schönheit für das Wichtigste im Leben hielten.

Leider konnte man den Untertitel meines Schlafblogs, nämlich „Gut schlafen, gut leben, gut denken“, als Lifestyle-Motto missverstehen. Als hätte ich genau diese Gruppe ansprechen wollen. Das war natürlich nicht so, im Gegenteil. „Gut leben“ kann nämlich manchmal – auch das ist Wissenschaft – das Gegenteil dessen heißen, was sich ein Shoppen-Lifestyle-Party-Kopf so ausdenkt.

Sonnenuhr – traditionell misst sie die Zeit.
Hier die am Rathausturm in Würzburg

Neu: Schlafblog – 24 STUNDEN LEBEN

Ausgerechnet in Corona-Zeiten erscheint es noch unpassender als „früher“, würde jemand mein Blog mit Lifestyle assoziieren. Der neue Untertitel 24 STUNDEN LEBEN nimmt deshalb direkter in den Blick, dass wir übers ganze Leben gerechnet gerade mal zwei von drei Stunden nicht schlafen. Was immer wir in diesen zwei Dritteln des Lebens tun, gut werden wir es nur machen können, wenn wir zuvor geschlafen haben.

Ein Tag dauert so lange wie die Erde braucht, bis sie sich einmal um sich selber gedreht hat. Diesen Tag haben Menschen in 24 Stunden eingeteilt. Wir leben in all diesen 24 Stunden – wir füllen sie mit Leben. Deshalb: Schlafblog – 24 stunden leben, oder auch: 24 STUNDEN LEBEN.

Eigentlich ist die Sache mit Schlafen und Wachen völlig einfach. Wir können nicht wach, aktiv und klar im Kopf sein, wenn wir zu lange nicht geschlafen haben. Aber wir können auch nicht schlafen, wenn wir nicht lange genug wach waren.

Chronobiologie: Licht und Dunkel, Wachen und Schlafen

Gleichzeitig sind Schlafen und Wachen eng mit der Sonne verbunden, mit Licht und Dunkelheit, also mit der Zeit auf der Erde. Die Chronobiologie ist die Biologie der Zeit und untersucht, wie die Zeit die Lebewesen beeinflusst. Auch uns Menschen.

Wir sind tagaktive Lebewesen, die Licht und Sonne brauchen und mit der Dunkelheit Probleme haben. Es beginnt damit, dass wir dann extrem schlecht sehen. Sämtliche Spuren früherer Generationen zeigen, dass Menschen immer schon über das Licht nachgedacht, es gefeiert und sogar religiös überhöht haben. Die Kehrseite: die Dunkelheit wurde abgewertet. Das hat sich bis heute in der Sprache niedergeschlagen, etwa in Wörtern wie schwarzfahren, Schwarzgeld oder Schwarzbuch (es ist eine Kinderetymologie, das mit Hautfarbe zusammenzubringen).

Unsere Vorfahren haben auch immer versucht, die Nacht zu erleuchten, mit Feuer, Kerzen oder Gaslicht. Seit einiger Zeit gibt es die elektrische Beleuchtung, sie ist heute so flächendeckend, dass man sie aus dem All erkennen kann. So schuf der Menschheitstraum „Licht in der Nacht“ nciht nur Probleme für die Tiere, sondern auch für uns selbst. Eins können wir nämlich im Dunkeln viel besser als im Hellen: schlafen. Und das müssen wir unbedingt.

„Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung“ – Heinrich Heine


Heinrich Heine – vermutlich heute vor 222 Jahren in Düsseldorf geboren – gehört zu meinen persönlichen Lieblingsdichtern. Er war hochintelligent, scharfzüngig, witzig, gewaltfrei und melancholisch, und natürlich noch viel mehr. Wer „Deutschland, ein Wintermärchen“ noch nie gelesen hat, sollte das sofort nachholen. Für mich gehört es unbedingt in den Kanon, den alle Jugendlichen hierzulande kennen sollten. Wenn es sowas wie eine deutsche Seele gibt, dann hat sie Heinrich Heine hier beschrieben. Er war einer der größten deutschen Dichter, er war genial und schrieb genial, und sein Deutsch war schlicht zum Niederknien. Dennoch vermasselte ihm seine jüdische Herkunft die Universitätskarriere und trieb ihn ins Exil nach Paris. Unsere Schande Antisemitismus ist leider nicht neu.

Es hat eine Weile gedauert, von 1965 bis 1988, bis die Düsseldorfer Universität endlich den Namen ihres großen Sohnes bekam. Passend zum scharfsinnigen Denker Heinrich Heine gibt es seit 2015 an der Heinrich-Heine-Universität (HHU) sogar einen Wettbewerb im Science-Slammen, der natürlich Heine-Slam heißt. Der Dichter hätte seine helle Freude daran gehabt. Außerdem wählt die HHU jedes Jahr ein Lieblingszitat aus dem riesigen Fundus meisterhafter Heinrich-Heine-Sätze.

2019 haben sie eine Art Kurzfassung von Heines Schlafphilosophie gewählt: „Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung“. Dieser Satz ist in der Schlafforschung bekannt und beliebt, weil er sich nicht damit aufhält, die positiven Folgen des Schlafs zu beschreiben, sondern ihn selbst hochleben lässt. Es ist aber auch schön, wenn gerade eine Universität Heines Bonmot ganz offiziell schätzt – schließlich kann nur, wer gut schläft, hervorragend forschen, hochwitzig slammen oder genial schreiben, kurz: Nennenswertes zustandebringen. Deshalb hier die vollständige Pressemeldung der Universität Düsseldorf, die Lieblings-Heine-Zitate der letzten Jahre sind auch noch dabei.

13.12.2019 06:00

Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung“ ist an der Heinrich-Heine-Universität 2019 das liebste Heine-Zitat

Dr.rer.nat. Arne Claussen Stabsstelle Presse und Kommunikation
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Beschäftigte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf haben ihr liebstes Heine-Zitat gewählt. Rund 160 Einsendungen gab es.

Zum Geburtstag des Namensgebers der Universität am 13. Dezember wählten die Mitglieder der Universität folgenden Ausspruch aus Heinrich Heines 1823 erschienenem „William Ratcliff“ zum Zitat des Jahres 2019:

„Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung.“

Unter allen, die für dieses Zitat gestimmt haben, wird ein Shirt mit diesen Heine-Worten verlost. Darüber hinaus gibt es zehn HHU-Regenschirme – ein zum derzeitigen Wetter passendes Präsent. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt.

Zum 222. Geburtstag von Heinrich Heine

Heute jährt sich Heinrich Heines Geburtstag zum 222. Mal, ein wahrlich rheinisches Jubiläum. Zur Erinnerung an Heines Jubeltag haben die Mitglieder der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) zum inzwischen neunten Mal ihr liebstes Heine-Zitat des Jahres gewählt. In diesem Jahr lautet es „Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung“ und stammt aus seiner Tragödie „William Ratcliff“.

In den letzten Jahren wurden folgende Lieblingszitate Heinrich Heines gekürt:
2018: „Weise erdenken neue Gedanken, und Narren verbreiten sie.“
2017: „Die Worte sind dazu da, unsere Gedanken zu verbergen“
2016: „Wer nie im Leben töricht war, ein Weiser war er nimmer.“
2015: „So ein bisschen Bildung ziert den ganzen Menschen“
2014: „Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles seine Bemerkungen.“
2013: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
2012: „Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt.“
2011: „Wie vernünftige Menschen oft sehr dumm sind, so sind die Dummen manchmal sehr gescheit.“

Zu Shida Bazyar: „Nachts ist es leise in Teheran“. Roman

Bazyar – Teheran – Cover

„Nachts ist es leise in Teheran“ – wie schön: ein melodischer Buchtitel, in dem die Nacht vorkommt, und sie ist leise, wie sie sein sollte, und es klingt vorsichtig und zart. Dass es irgendwo leise ist in der Nacht, fällt ja nur unter besonderen Umständen auf. Entweder, wir schlafen dort gar nicht, weil wir etwas anderes zu tun haben, oder besonders gut, weil es ruhiger ist als zu Hause. Ist der Titel ein Spleen des Verlages? Oder hat er einen tieferen Sinn? Spannend für uns Schlaf-Leute.

Im taz-Interview von der Leipziger Buchmesse 2018 fragt Doris Akrap die Autorin Shida Bazyar nicht nach dem Titel, und auch bei den aktuell 35 Amazon-Besprechungen geht niemand darauf ein. Das finde ich erstaunlich – und dann auch wieder nicht. Wer fragt schon nach Schlaf? Tatsächlich fällt mir da sofort Kalkutta ein, wo es tagsüber ohrenbetäubend ist, und nachts fast alle trotzdem Ruhe geben. In Teheran ist das offenbar ähnlich, im Gegensatz zu Paris und all den anderen Weltstädten, die sich rühmen, „niemals“ zu schlafen. Teheran ist nachts leise, zumindest im Jahr 1999, wie die Romanfigur Laleh mehrfach erstaunt feststellt – und das ist eine Liebeserklärung, wenn auch eine gebrochene.

Fünf Perspektiven, fünf Zeiträume, eine Familie

Sie kamen zwar im Bus nach Istanbul – aber vielleicht doch nahe des Bahnhofs Haydarpascha

Fünf Personen lässt Shida Bazyar in ihrem Debüt-Roman in je einer eigenen Erzählung zu Wort kommen, ein Paar und seine drei Kinder. Anfang der 1980er-Jahre floh die damals vierköpfige Familie vor dem iranischen Mullah-Regime erst nach Istanbul und dann nach Deutschland, nachdem der beste Freund des Vaters verhaftet worden war, ohne realistische Aussicht, das zu überleben.

Jedes Familienmitglied erzählt in einem Kapitel über sein Leben und Erleben zu einem bestimmten Zeitpunkt am damaligen Lebensmittelpunkt. Vater Behsad über seine Revolution in Teheran 1979, die Freiheit und ein gutes Leben wollte und im religiösen Blutrausch endete. Mutter Nahid 1989 über das deutsche „Exil“ und die fremde Kultur hier, wo sie aber schließlich ein neues Studium aufnimmt und abschließt.

Fachwerk – ziemlich sicher woanders, aber halt deutsch

Die Tochter Laleh spricht 1999, als sie nach der zehnten Klasse mit Mutter und Schwester erstmals die in Teheran zurückgebliebene Familie besucht; sie vergleicht das Leben dort mit dem zu Hause im ungenannten deutschen Fachwerkstädtchen. Lalehs jüngerer Bruder Morad, kurz Mo, philosophiert 2009 über sich. Da studiert er offiziell in Göttingen Geographie. Tatsächlich hängt er genauso rum wie sein bester Freund Tobi. Doch dann verfolgt er auf Youtube die „Grüne Revolution“ in Teheran, denkt an seinen einzigen Besuch dort – und fühlt sich plötzlich anders.

Tara, die Jüngste und wie im deutschen Märchen die Allerschönste, ist als einzige erst hier geboren. Sie, die den Namen der Tochter eines Mitkämpfers von Behsad trägt, spielt auf drei Seiten roadmoviehaftem Epilog eine undatierte Zukunftsmusik: Alle Tageszeitungen in der Tankstelle berichten, Jugendproteste im Iran hätten das islamische Regime hinweggefegt. Tara und Lalehs da bereits erwachsene Tochter jubeln.

Das Leben hier und die Sehnsucht nach dort

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist eine Geschichte über Liebe und Poesie, Hoffnung und Gefahr, Revolution und Exil, die hochpolitische Handlungen und Beobachtungen in Iran und Deutschland auf sehr eigenwillige und sehr literarische Art in eine Familiengeschichte einbettet. Den kommunistischen Eltern hat das Exil das Leben gerettet, ihren beiden älteren Kindern die Freiheit. Gleichzeitig hat es allen Familie, Freunde, Sprache und Kultur genommen. Die Erwachsenen sind mit einem Fuß immer im Iran, mit einem Ohr und einem Auge verfolgen sie das Geschehen dort. Auch die Kinder müssen sich immer wieder neu orientieren, bis hin in die dritte Generation, zwischen ihren beiden „Heimaten“.

Nachts ist es leise in Teheran – und schlafen sowieso ein Glück

Und die Nacht? Der Schlaf? Der Ort, wo man schläft? Sie kommen alle vor, werden in verschiedensten Zusammenhängen erwähnt, und immer ist das liebevoll. Dieses Buch hätte kein Mensch schreiben können, der den Schlaf verachtet, keiner, der stolz verkündet, wenig zu schlafen, keiner, der den Schlaf für Zeitverschwendung oder gar Faulheit hält. Schlaf ist für die auftretenden Personen elementar und nachgerade tröstlich, sie erwähnen den Schlaf der Kinder und wie man im Schlaf bei sich ist. Die Protagonisten schützen den Schlaf ihrer Lieben, sie erzählen Träume, als wären es Tagesereignisse. Wie man schläft, wann man schläft, wo man schläft – oder eben nicht: alles beeinflusst, wie das Leben weitergeht. Die Teheraner Nacht ist leise, im Gegensatz zum lauten Tag, und sie öffnet Freiräume. Erst begibt sich die Großfamilie gemeinsam in den Park, später auf die persischen Teppiche im Hauptraum des Hauses. Dort schlafen die einen, die anderen tun, was tagsüber zu gefährlich wäre: über die wirklich wichtigen Dinge flüstern. Die einzige Sex-Szene übrigens, fast gehaucht angedeutet, ignoriert das Bett im Fachwerkstädtchen.

Bazyar erzählt das in langen, schönen, entspannten und doch manchmal atemlosen Sätzen, literarisch so gekonnt verarbeitet, dass man darin baden möchte. Der Schlaf und die Nacht decken Freud und Leid zu, selbst Alpträume haben etwas Freundliches. Alles gehört zusammen – und womöglich ist der Schlaf die dritte Heimat.