Leistung, Schlaf und Pausen

Charlie Chaplins Film „Modern Times“ bietet sich immer dann an, wenn jemand Zerstörerisches an der Arbeitswelt illustrieren möchte. Diesmal ist es die Titelgeschichte der ZEIT („Wir leben im falschen System“) – da schraubt Charlie an riesigen Zahnrädern und gerät irgendwann dazwischen.

Heute ist Chaplins klassische Kritik an der Taylorschen Fabrikarbeit selbst ein Klassiker, die stumpfen Einzelhandgriffe werden von Robotern erledigt und nicht mehr von Menschen zwischen Zahnrädern. Die lebendigen Zeitgenossen in der Fabrik bedienen meist High-Tech-Anlagen; dort steigt nur noch die Rate der psychischen Probleme, die der Chaplinschen Arbeitsunfälle dagegen sinkt. Die verbliebenen Unfälle haben oft mit dem 7/24-System zu tun: Sie ereignen sich gerne nachts, dann, wenn der biologische Organismus Mensch eigentlich schlafen sollte. Schließlich macht er dann viel mehr Fehler als tagsüber, und die sind mitunter gefährlich.

Dieser ZEIT-Schwerpunkt thematisiert die 24-Stunden-Gesellschaft zwar nicht ausdrücklich, aber intensiv. Es geht um das aktuell angesagte Turbo-Leben und seine Schattenseiten. Susanne Gaschke, Elisabeth von Thadden und Hilal Sezgin – interessant, dass es lauter Frauen sind – berichten über Gründe, Hintergründe und aktuelle Gegenbewegungen. Einige ihrer Gedanken möchte ich chronobiologisch oder somnologisch ergänzen.

Gaschke besuchte den englischen Kultautor Tom Hodgkinson („Anleitung zum Müßiggang“, Zeitschrift „The Idler„) und hat ausführlich mit ihm gesprochen – darüber, wie die „Arbeitskultur der westlichen Welt … so viele von uns versklavt, demoralisiert und deprimiert hat“. Dafür bringt Hodgkinson viele Beispiele – und eine ganze Reihe verweisen nicht zuletzt auf unser „modernes“ Verständnis von Schlaf und Pausen als Zeitverschwendung.

So empfahl, berichtet Hodginkson, John Clayton den Armen schon 1755  als „wichtigste Strategie gegen Not“, eben früh aufzustehen. Außerdem werde seit damals gerne die Behauptung vertreten, lange schlafen sei gesundheitsschädlich. Hodgkinson hält dagegen, und das zu Recht. Was er verpasst – er könnte die Schlafforschung zur Zeugin rufen. In Wahrheit nämlich brauchen wir den Schlaf, um überhaupt zu leben und – Ironie des Ganzen – um leistungsfähig zu sein. Der Fetisch der sogenannten Leistungsgesellschaft ist ohne Schlaf gar nicht zu haben.

Hodgkinson setzt noch eins drauf, indem er den Wecker als das „Lieblingsinstrument aller Sklaventreiber“ bezeichnet. Und in der Tat, wie jedes Lebewesen braucht auch der Mensch keinen Wecker; er wacht nämlich von selbst auf, sobald er ausgeschlafen ist. Insofern verkürzt der Wecker oft genug die optimale Schlafdauer, was die eigentlich bekannten Folgen hat, von Müdigkeit über Desinteresse bis Kreativitätsmangel, diverse Gesundheitsstörungen noch gar nicht gerechnet. Nur zwei Personengruppen brauchen einen Wecker wirklich für sich selbst: Die einen sind Menschen, die grundsätzlich miserabel schlafen. Die anderen sind extreme Abendtypen, die sich nur ungenügend an den 24-Stunden-Rhythmus der Erde anpassen können. Beide Gruppen schlafen besser, wenn sie einen strengen Rhythmus einhalten, und dabei hilft der Wecker.

Hodgkinson packt seine Kritik in Fragen. Mit dabei: „Wer hat den Tod des zwei- bis drei-stündigen Mittagessens … auf dem Gewissen? Wer verbot den Mittagsschlaf?“ Beides ist mindestens freudlos, doch es gibt mehr daran auszusetzen: Wer täglich zur gleichen Zeit ausgiebig und in angenehmer Gesellschaft zu Mittag isst, kann seinen Tages-Rhythmus besser halten. Und ein kleines Schläfchen hinterher bringt die Lebensgeister erheblich mehr auf Trab als jeder Döner mit dem Bildschirm im Blick.

Es ist beim Menschen nur graduell anders als bei Schafen und Kühen: er braucht Pausen (mehr zu Menschen in „Wach und fit„). Hilal Sezgin beobachtet täglich das liebe Vieh und stellt dabei fest, dass dieses Vieh von früh bis spät beschäftigt ist – teils mit Futtersuche, teils mit Wiederkäuen. Das Gehirn des wiederkäuenden Tieres ist allerdings nicht voll wach – es „döst“ rhythmisch vor sich hin, und Kuh wie Schaf verfügen dabei über alle Zeit der Welt (die Forscherin zur Chronobiologie bei Tieren ist Professor Dr. Irene Tobler aus Zürich).

Uns dagegen wird die Zeit seit Beginn der Moderne immer knapper, wie von Thadden feststellt. „Wachsendes Leistungsbewusstsein“ sieht die Autorin da am Werk, das uns nötige, immer mehr in eine Zeiteinheit hineinzupacken und den eigenen Programmen hinterher zu hecheln. Irgendwas an dieser Art „Leistungsbewusstsein“ ist aber ziemlich schräg, ignoriert dieses Bewusstsein doch gleichzeitig die biologischen Voraussetzungen für wirkliche Leistung gerne, um nicht zu sagen: es verachtet sie. Zwei davon sind richtig gesetzte Pausen und guter Schlaf, der genau so lange dauert, wie es für das Individuum „richtig“ ist. Ausgerechnet das, was die „modernen Zeiten“ gerne als Faulheit und damit Anti-Leistung hinstellen, ist nämlich eine Basis jeder Leistung, die den Namen verdient.

Einsam wacht die Chefetage

Albert Einstein und Johann Wolfgang von Goethe hätten im Deutschland von 2011 wenig Aussicht auf eine herausragende Position, egal in welcher Branche. Die beiden beharrten nämlich auf ihrem täglichen Zehn-Stunden-Schlaf. So jemand, versichert zumindest jede dritte der 500 Highest-Level-Führungskräfte Deutschlands, die das Allensbacher Institut kürzlich in seinem „Capital-Spitzenkräfte-Panel“ befragte, wird es gar nicht erst in die höheren Hierarchieebenen deutscher Institutionen schaffen.

Die Chefs bzw. Spitzenkräfte aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung selbst jedenfalls schlafen regelmäßig weniger, als sie gerne schlafen würden – im Durchschnitt kommen sie auf sechs Stunden und sechzehn Minuten. Kann das ausreichen? Oder umgekehrt: Hat das Folgen? Immerhin schlafen sie damit ziemlich exakt eine Stunde weniger als die Deutschen allgemein – und wer als Medium über die Meldung berichtet, sagt meist „Deutsche Chefs schlafen zu wenig“. Dabei blieb es dann meistens.

Leider ist der kurze Schlaf keineswegs das Privatproblem der „Spitzenkräfte“, selbst wenn sie ihren Schlaf „nur“ absichtlich kappen und (noch) keine Schlafstörungen haben (deren Häufigkeit steigt linear mit der Arbeitsbelastung). In den letzten Jahren hat sich die Schlafforschung nämlich intensiv damit beschäftigt, was der gute Schlaf mit mentalen Fähigkeiten zu tun hat, mit kognitiven wie emotionalen. Und das ist eine ganze Menge. Wer immer zu Protokoll gibt, gerne „mehr zu schlafen“, tut das, weil er oder sie sich tagsüber müde oder sehr müde fühlt. So jemand leidet unter chronischem Schlafmangel.

Eine ganze Reihe experimenteller Studien hat empirisch überprüft, was dabei passiert (ein relativ aktuelles Beispiel hier, über weitere werde ich sukzessive an dieser Stelle berichten). Das Ergebnis: Die geistige Leistung sinkt teilweise erheblich, Entscheidungen werden zufälliger getroffen. Abgesehen davon, dass die Stimmung der Betroffenen leidet. Da nun die Leistungsanforderungen gerade von „Spitzenkräften“ zweifellos mentaler Natur sind, sollten wir alle ein Interesse daran haben, dass diese Leute ausgeschlafen sind. Die Folgen der schläfrigen Chefetage baden nämlich alle aus: Von falschen Entscheidungen über erstaunliche Kommunikationsweisen bis hin zu gesundheitlich riskanten und inhaltlich inadäquaten Anforderungen an Mitarbeiter. Nicht zuletzt solche, über die wir auf der „Permanent-online?!“-Tagung in Tutzing gesprochen haben – siehe Eintrag vom 31.7.

Es hilft nichts: Wenig schlafen ist weder heldenhaft noch ehrenvoll und schon gar nicht intelligent. Es macht statt dessen dumm und unflexibel. Auch Chefs. Irgendwann dazu mehr in diesem Blog.

Dass es nebenbei auch noch krank macht, steht auf einem anderen Blatt (dazu hat Burkhart Röper schon ein paar Worte auf seinem Blog verloren) .

Immer erreichbar für die Chefs?

Permanent Online?!, fragte die Evangelische Akademie Tutzing Ende Juni 2011 mit einer Tagung (Materialien hier). Führungskräfte, Berater jeder Art und Betriebsräte diskutierten ausgiebig. Die Zeit dafür war reichlich bemessen, nach den Vorträgen des ersten und in den Workshops des zweiten Tages, vor allem aber in den tutzing-typischen Zeiten dazwischen.

Die Vorträge zeigten, unter welchem zeitlichen Druck zumindest Fach- und Führungskräfte in den Firmen heutzutage stehen, und wie das mit dem gestiegenen psychischen Druck zusammenhängt – Stichwort Burnout.  Die Arbeitszeitgesetze etwa greifen nicht und sind überdies in manchen Punkten vorsintflutlich. So gilt es formal als Arbeitszeit, wenn mich mein Chef abends um zehn anruft. Ab diesem Zeitpunkt müssen eigentlich elf Stunden vergehen, bis ich wieder für die Firma tätig werde. Das ist, gelinde gesagt, illusorisch, wird also ignoriert. Zeitgemäße Lösungen müssten anders aussehen. Die einzige Chance, so Robert Fischer vom Gesamtbetriebsrat der Allianz, sind firmeninterne Vereinbarungen. Insofern sind Smartphone, E-Mail & Co. samt der flexiblen Arbeitszeit angenehm, aber sie haben eine Kehrseite. Die ist erstmal organisatorisch und kulturell, nicht technisch: Seit es möglich ist, ständig erreichbar zu sein, wird es auch erwartet, im Zweifel 24 Stunden. Damit wird es zunehmend schwieriger, überhaupt ein Privatleben zu pflegen; ganz zu schweigen davon, es von der Arbeit getrennt zu halten.

Insofern war es geradezu rührend, dass Daniel Leicher, eingeladener “Digital Native” und frischgebackener Abiturient, einerseits genau das als völlig selbstverständliche Anforderung an seinen späteren Job formulierte: Trennung von Arbeit und Privatleben. Andererseits, bei “Facebook vorbeischauen” zu dürfen, wann immer er das wolle. Auf die Frage, wie viele Stunden er denn genau online sei, antwortete er absolut verständnislos: “Das kann ich nicht sagen, wir gehen nicht ins Netz, wir sind immer drin”. In seinem Blog nennt er diese Frage später “konfus”. Ich allerdings musste schmunzeln, weil mir die gleiche Frage auf der Zunge gelegen hatte: Schließlich wird (und kann) es kein Chef zulassen, dass ein Mitarbeiter während der Arbeitszeit “ständig” nebenbei auch noch privat online ist, digitaler Eingeborener hin oder her.

Was die Tutzinger Organisatoren um Philip Büttner und Martin Held “Erreichbarkeitsökonomie” getauft hatten, ist tatsächlich weniger eine Frage des Internets als der Menschen bzw. der Psychologie. Das Internet ist da, wie Richard Gutjahr richtig formuliert hatte. That’s it. Ich persönlich finde, es wird von beiden Extremen überschätzt: Von denen, die es schlecht bedienen können und deshalb Angst davor haben, genauso wie von denen, die befürchten, einen Tag ohne ihre sozialen Netzwerke nicht zu überleben. Die Frage ist: Wie gehen wir als Menschen damit um? Lassen wir unser Leben und Arbeiten von dem diktieren, was technisch möglich ist? Oder überlegen wir uns vorher, was wir als Menschen brauchen, um gesund zu leben und produktiv zu arbeiten? Das ist keine Frage des Internets; es sind Fragen der Biologie und der Psychologie.

Folgerichtig diskutierten die meisten Workshops tendenziell psychologische Fragen. In meinem eigenen Workshop stellte ich anhand einiger Beispiele vor, wie wir Psychologen Leistung testen und wie biologische Rhythmen geistige Leistung beeinflussen. Einerseits geht es dabei um die Folgen von Schlafmangel, andererseits direkt um Tageszeitenrhythmen. Wir beschäftigten uns auch mit Pausen, die zwar Tätigkeiten unterbrechen – sinnvollerweise nach etwa anderthalb Stunden -, aber letztlich die Leistung erhöhen. Wobei ein Anruf oder eine E-Mail eine erzwungene Unterbrechung sind und gerade keine Pause. Und schließlich mit dem Thema, das letztlich eine Mischung aus Chronobiologie und klassischer Psychologie ist: Multitasking. Immer wieder wird es gefordert und die sogenannte Multitasking-Fähigkeit als Inbegriff höherer Intelligenz gepriesen. Dabei bestätigt die Psychologie seit den Anfängen der Aufmerksamkeitsforschung, dass “dual tasking” und vor allem Multitasking Leistungen grundsätzlich beeinträchtigt. Erst kürzlich ging der schöne Titel über den Ticker des idw (Informationsdienst Wissenschaft): Beim Multitasking sind alle gleich – schlecht.