Zu Shida Bazyar: „Nachts ist es leise in Teheran“. Roman

Bazyar – Teheran – Cover

„Nachts ist es leise in Teheran“ – wie schön: ein melodischer Buchtitel, in dem die Nacht vorkommt, und sie ist leise, wie sie sein sollte, und es klingt vorsichtig und zart. Dass es irgendwo leise ist in der Nacht, fällt ja nur unter besonderen Umständen auf. Entweder, wir schlafen dort gar nicht, weil wir etwas anderes zu tun haben, oder besonders gut, weil es ruhiger ist als zu Hause. Ist der Titel ein Spleen des Verlages? Oder hat er einen tieferen Sinn? Spannend für uns Schlaf-Leute.

Im taz-Interview von der Leipziger Buchmesse 2018 fragt Doris Akrap die Autorin Shida Bazyar nicht nach dem Titel, und auch bei den aktuell 35 Amazon-Besprechungen geht niemand darauf ein. Das finde ich erstaunlich – und dann auch wieder nicht. Wer fragt schon nach Schlaf? Tatsächlich fällt mir da sofort Kalkutta ein, wo es tagsüber ohrenbetäubend ist, und nachts fast alle trotzdem Ruhe geben. In Teheran ist das offenbar ähnlich, im Gegensatz zu Paris und all den anderen Weltstädten, die sich rühmen, „niemals“ zu schlafen. Teheran ist nachts leise, zumindest im Jahr 1999, wie die Romanfigur Laleh mehrfach erstaunt feststellt – und das ist eine Liebeserklärung, wenn auch eine gebrochene.

Fünf Perspektiven, fünf Zeiträume, eine Familie

Sie kamen zwar im Bus nach Istanbul – aber vielleicht doch nahe des Bahnhofs Haydarpascha

Fünf Personen lässt Shida Bazyar in ihrem Debüt-Roman in je einer eigenen Erzählung zu Wort kommen, ein Paar und seine drei Kinder. Anfang der 1980er-Jahre floh die damals vierköpfige Familie vor dem iranischen Mullah-Regime erst nach Istanbul und dann nach Deutschland, nachdem der beste Freund des Vaters verhaftet worden war, ohne realistische Aussicht, das zu überleben.

Jedes Familienmitglied erzählt in einem Kapitel über sein Leben und Erleben zu einem bestimmten Zeitpunkt am damaligen Lebensmittelpunkt. Vater Behsad über seine Revolution in Teheran 1979, die Freiheit und ein gutes Leben wollte und im religiösen Blutrausch endete. Mutter Nahid 1989 über das deutsche „Exil“ und die fremde Kultur hier, wo sie aber schließlich ein neues Studium aufnimmt und abschließt.

Fachwerk – ziemlich sicher woanders, aber halt deutsch

Die Tochter Laleh spricht 1999, als sie nach der zehnten Klasse mit Mutter und Schwester erstmals die in Teheran zurückgebliebene Familie besucht; sie vergleicht das Leben dort mit dem zu Hause im ungenannten deutschen Fachwerkstädtchen. Lalehs jüngerer Bruder Morad, kurz Mo, philosophiert 2009 über sich. Da studiert er offiziell in Göttingen Geographie. Tatsächlich hängt er genauso rum wie sein bester Freund Tobi. Doch dann verfolgt er auf Youtube die „Grüne Revolution“ in Teheran, denkt an seinen einzigen Besuch dort – und fühlt sich plötzlich anders.

Tara, die Jüngste und wie im deutschen Märchen die Allerschönste, ist als einzige erst hier geboren. Sie, die den Namen der Tochter eines Mitkämpfers von Behsad trägt, spielt auf drei Seiten roadmoviehaftem Epilog eine undatierte Zukunftsmusik: Alle Tageszeitungen in der Tankstelle berichten, Jugendproteste im Iran hätten das islamische Regime hinweggefegt. Tara und Lalehs da bereits erwachsene Tochter jubeln.

Das Leben hier und die Sehnsucht nach dort

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist eine Geschichte über Liebe und Poesie, Hoffnung und Gefahr, Revolution und Exil, die hochpolitische Handlungen und Beobachtungen in Iran und Deutschland auf sehr eigenwillige und sehr literarische Art in eine Familiengeschichte einbettet. Den kommunistischen Eltern hat das Exil das Leben gerettet, ihren beiden älteren Kindern die Freiheit. Gleichzeitig hat es allen Familie, Freunde, Sprache und Kultur genommen. Die Erwachsenen sind mit einem Fuß immer im Iran, mit einem Ohr und einem Auge verfolgen sie das Geschehen dort. Auch die Kinder müssen sich immer wieder neu orientieren, bis hin in die dritte Generation, zwischen ihren beiden „Heimaten“.

Nachts ist es leise in Teheran – und schlafen sowieso ein Glück

Und die Nacht? Der Schlaf? Der Ort, wo man schläft? Sie kommen alle vor, werden in verschiedensten Zusammenhängen erwähnt, und immer ist das liebevoll. Dieses Buch hätte kein Mensch schreiben können, der den Schlaf verachtet, keiner, der stolz verkündet, wenig zu schlafen, keiner, der den Schlaf für Zeitverschwendung oder gar Faulheit hält. Schlaf ist für die auftretenden Personen elementar und nachgerade tröstlich, sie erwähnen den Schlaf der Kinder und wie man im Schlaf bei sich ist. Die Protagonisten schützen den Schlaf ihrer Lieben, sie erzählen Träume, als wären es Tagesereignisse. Wie man schläft, wann man schläft, wo man schläft – oder eben nicht: alles beeinflusst, wie das Leben weitergeht. Die Teheraner Nacht ist leise, im Gegensatz zum lauten Tag, und sie öffnet Freiräume. Erst begibt sich die Großfamilie gemeinsam in den Park, später auf die persischen Teppiche im Hauptraum des Hauses. Dort schlafen die einen, die anderen tun, was tagsüber zu gefährlich wäre: über die wirklich wichtigen Dinge flüstern. Die einzige Sex-Szene übrigens, fast gehaucht angedeutet, ignoriert das Bett im Fachwerkstädtchen.

Bazyar erzählt das in langen, schönen, entspannten und doch manchmal atemlosen Sätzen, literarisch so gekonnt verarbeitet, dass man darin baden möchte. Der Schlaf und die Nacht decken Freud und Leid zu, selbst Alpträume haben etwas Freundliches. Alles gehört zusammen – und womöglich ist der Schlaf die dritte Heimat.

Schlafkunde – was es so über Schlaf zu sagen gibt

Nach wie vor gilt Jürgen Zulley als „Schlafpapst“ Deutschlands. „Sein“ Schlaflabor in Regensburg war ständiger Gast im Fernsehen, und er natürlich mit. In seinen kurzen Statements erklärte er dabei wie in seinen Vorträgen lustig, kolloquial und in ganz normalem Deutsch, was es mit dem Schlaf auf sich hat, mit den Schlafstörungen und mit der Chronobiologie. Jetzt hat er ein kleines Buch herausgebracht, in dem er genau das auf aufgeschrieben hat.

Schlafkunde_ZulleyDieses Büchlein heißt ausdrücklich Schlafkunde, weil es Wissen vorstellt; es will keine Beratung oder gar Therapie bieten. Es versammelt 22 prägnante, einzeln lesbare Artikel über alle möglichen Fragen, die immer wieder rings um den Schlaf auftauchen. Die meisten haben Menschen in Klinik oder Universität irgendwann an ihn herangetragen. Er beschreibt wissenschaftlich, was beim Schlafen so im Gehirn passiert, aber er diskutiert auch strittige Themen wie die Frage, ob der Vollmond irgendeinen Einfluss auf den Schlaf hat (sein Schluss aus der Gesamt-Forschungslage heißt: definitiv keinen). Er befasst sich mit praktischen Dingen wie Schlaf und Reisen, Schlaf und Ernährung oder Schlaf und Sport.

Zulley ist Chronobiologe der ersten Stunde – er war Mitglied der Forschungscrew bei den weltberühmten Versuchen zur Inneren Uhr, die Jürgen Aschoff in den 1960er- und 70er-Jahren in einem unterirdischen Forschungslabor im Andechser Berg leitete. Auch darüber berichtet er. Außerdem nimmt er kompetent Stellung zu Fragen, wo sich Schlaf und Chronobiologie treffen: zum Mittagsschlaf – sinnvoll; zum Schulbeginn – da gibt es ein Forschungsdefizit; zur Sommerzeit – ohne jedes Wenn und Aber schädlich; zum Licht – schlichtweg unerlässlich; zu Jahres-, Wochen- und Tagesrhythmen allgemein – sie sind Teil unseres biologischen Erbes, deshalb geht es uns nur gut, wenn wir sie respektieren.

Die meisten Kapitel basieren Zulleys Kolumnen in der Patientenzeitschrift Schlafmagazin, andere sind für dieses Büchlein ergänzt. Die Texte, die sich so locker lesen, als hielte der Autor gerade einen Vortrag, spannen einen schönen Bogen vom Allgemeinen zum Besonderen. Wer immer sich einfach vergnüglich informieren will, ohne sich intensiv in die Fachliteratur zu vergraben, ist damit wunderbar bedient.

Sie können es direkt beim Verlag bestellen.

 

Schlafen – jetzt ein Nickerchen

Wer viel pennt, ist doof, und wer schnarcht, weckt nur die anderen: Am Tag des Schlafes wird mit Mythen aufgeräumt – streng wissenschaftlich. Damit Sie besser schlafen.

Seit alters brennen am 21. Juni die Sonnwendfeuer, die Menschen feiern und machen diese Nacht zum Tag. Ausgerechnet dieses Datum wählten vor Jahren zwei Frankfurter, um für guten Schlaf zu werben. Bis heute wird ihr Tag des Schlafes begangen. Dabei sagt der Volksmund, im Hochsommer brauche man sowieso wenig Schlaf und beim Feiern fast keinen. Stimmt nicht ganz, sagt die Wissenschaft. Anlass genug, um einmal sechs gängige Volksweisheiten zum Schlaf zu hinterfragen.

1. Wer im Sommer durchmacht, ist weniger müde

Am 21. Juni ist es in Hamburg erheblich länger hell als in Garmisch, am Nordpol fällt die Nacht sogar ganz aus. Nur in Äquatornähe sind Tage und Nächte ganzjährig nahezu gleich lang. Die Jahreszeiten beeinflussten den Schlaf früher stark; in den kurzen Sommernächten des Nordens schlief man systematisch kürzer als im Winter. Ist das vorbei, seit wir alles bis zum Nordkap flächendeckend beleuchten?

Offenbar nicht ganz, wie eine norwegische Arbeitsgruppe um Oddgeir Friborg nachwies (Friborg et al., 2011). 180 Menschen aus dem Norden Norwegens zeichneten ihren Schlaf auf, eine Woche im Januar und eine im August. 150 Einwohner Accras, der äquatornahen Hauptstadt Ghanas, taten dasselbe. Die Ghanaer schliefen das ganze Jahr über gleich lange. Die Norweger dagegen machten im Winter das Licht auch mal aus und schliefen länger, die endlose Dunkelheit machte sie trotz Kunstlicht müde. Ganz unabhängig von den Jahreszeiten ist der Mensch also auch heute nicht. Dass durchgemachte Sommernächte Schlaf ersetzen könnten, ist jedoch Wunschdenken.

2. Unter acht Stunden geht gar nichts

Normal seien acht Stunden Schlaf, heißt es oft. Diese Norm ploppt fast automatisch auf, wenn jemand nachts nicht schlafen kann und besagte acht Stunden nicht mehr möglich sind. Dann grübelt man schon mal: Werde ich deshalb die Prüfung vermasseln? Krank werden? Sterben? Stand der Forschung ist: Im Mittel schlafen gesunde Erwachsene sieben bis acht Stunden (Tinguely, Landolt, Cajochen, 2014). Wie jede Statistik taugt aber auch diese nicht als Maßstab für den Einzelfall. Es beginnt damit, dass die Schlafdauer im Lauf des Lebens sinkt, von 16 Stunden bei Säuglingen bis zu den knapp acht der Erwachsenen. Dazwischen liegen die Jugendlichen, auch wenn viele es nicht gerne hören, dass sie noch neun Stunden brauchen.

Um diese Mittelwerte herum gibt es Bandbreiten des Richtigen; manche Menschen brauchen mehr als ihre Altersgruppe, andere kommen mit weniger aus. „Richtig“ hängt an einer Frage: Wie wach und leistungsfähig bin ich tagsüber? Wer unwillkürlich einschläft, ob am Steuer oder auf der Schulbank, hat ein klares Schlafdefizit. Wer außerhalb der Mittagsschlafzeit länger müde ist, auch.

3. Wer viel pennt, ist doof

Alles zwischen fünf und zehn Stunden Schlafbedürfnis kann normal sein. Trotzdem gilt hierzulande als faul, wer zehn Stunden braucht, meist sogar als geistig minderbemittelt. Dabei gehörten zwei unbestritten Hochintelligente zur Zehn-Stunden-Fraktion: Einstein und Goethe. Es gibt Kluge und weniger Kluge bei Langschläfern wie Kurzschläfern, Intelligenz und individuelles Schlafbedürfnis haben bei Erwachsenen nichts miteinander zu tun. Dennoch hält sich der Mythos hartnäckig, vor allem unter Menschen, die gerne als Leistungsträger betitelt werden, ganz im Sinne von Napoleons Behauptung: „Vier Stunden braucht der Mann, fünf die Frau und sechs der Idiot“.

Tatsächlich können wir zeitweise absichtlich kürzer schlafen, ohne gleich krank zu werden. Geistig leistungsfähig sind wir dann allerdings deutlich weniger und emotional ausgeglichen auch nicht (Weber et al., 2014). Bei Kindern scheint die Sache klarer, wenn auch umgekehrt. Kinder, die länger, vor allem aber besser schlafen, erzielen höhere Leistungen beim Denken und in Intelligenztests (Gruber et al., 2010).

4. Drei Tage wach mit Koffein und Kippe?

Koffein, Alkohol und Nikotin – unsere Alltagsdrogen sind legal, unangenehme Nebenwirkungen haben sie trotzdem, auch in Sachen Schlaf (Garcia, Candidate, Salloum, 2015). Alkohol gilt direkt als Schlummertrunk. Tatsächlich schläft schneller ein, wer einmal etwas trinkt, besser schläft er aber nicht. Wer regelmäßig trinkt, verspielt den Effekt. Auf Dauer riskiert er sogar ein echtes Schlafproblem, und das lange vor der Sucht.

Koffein und Nikotin nehmen wir ausdrücklich, um wach zu sein. Sehr viel Koffein steckt in Kaffee, weniger in Tee und Cola-Getränken, sehr wenig in Schokolade. Koffein weckt objektiv und oft länger, als uns lieb ist. Es kann nämlich bis zu fünf Stunden dauern, bis auch nur die Hälfte des Koffeins abgebaut ist. Mit Koffein im Blut schläft man schwerer ein, und der Schlaf wird flach und kurz. Auch Nikotin macht wach. Noch Stunden nach der letzten Zigarette kann es den Schlaf stören, und das auch langfristig. Zumindest schläft fast jeder dritte Raucher regelmäßig schlecht, auch wenn er sonst gesund ist (Cohrs et al., 2012). Das sind 50 Prozent mehr als bei vergleichbaren Nichtrauchern. Je mehr man raucht, umso riskanter wird es.

5. Wer schnarcht, hat selbst keine Probleme

Schnarchen ist laut, manchmal peinlich und meistens unschön. Aber es stört doch nur die anderen? Dieser Mythos hat schon viel Leid verursacht. Häufig ist Schnarchen nämlich alles andere als harmlos, sondern ein wichtiges Symptom der obstruktiven Schlafapnoe. Bei dieser Krankheit setzt nachts der Atem mehrmals pro Stunde aus, weil die Luftröhre kurz gewissermaßen in sich zusammenfällt. Dann gelangt keine Luft mehr in die Lunge und damit ins Gehirn. Das wird schnell lebensgefährlich, deshalb sorgt das Gehirn dafür, dass ein ganz besonders tiefer, besonders lauter Atemzug den Sauerstoffpegel wieder erhöht. Der Betroffene wacht nicht unbedingt auf, ist aber tagsüber müde. Auf lange Sicht riskiert er Herzinfarkt und Schlaganfall.

Deshalb sollte man gegensteuern, notfalls mit einer Sauerstoffmaske. Es gibt einige Versuche, eine Diagnose allein an der Art des Schnarchens festzumachen. Doch bisher taugen die Methoden allesamt noch nicht, wie Hui Jin und Kollegen aus dem chinesischen Guangzhou kürzlich berichteten (Jin et al., 2015). Man muss immer noch ins Schlaflabor.

6. Gut schläft, wer vor Mitternacht im Bett liegt

Wer in 24/7-Zeiten den Schlaf vor Mitternacht noch für den besten hält, geht als mythengläubig durch. Wo man doch morgens nach der Party super schläft. Leider nur ein neuer Mythos. Der Schlaf ist in sich gegliedert und verläuft in 90-Minuten-Zyklen, notfalls auch mittags.

Jeder Zyklus beginnt mit Leichtschlaf und endet mit REM-Schlaf (rapid eye movement); da bewegen sich die Augen schnell und wir träumen die richtig verrückten Geschichten. Dazwischen kann es Tiefschlaf geben. Im Tiefschlaf sind wir schwer zu wecken, und er ist besonders erholsam – es hat durchaus eine Logik, ihn als den „besten“ zu bezeichnen. Doch Tiefschlaf gibt es bevorzugt in den ersten beiden Zyklen, und das nur, wenn auch die Körpertemperatur stimmt.

Die ist gerade richtig, solange sie am Fallen ist. Das tut sie zwölf Stunden lang bis zum Tiefpunkt in der zweiten Nachthälfte. Er liegt bei Morgentypen früher, bei Abendtypen später, man nennt ihn auch „biologische Mitternacht“ (Zulley, Knab, 2015). Danach wird es schwierig mit dem Tiefschlaf. Es gibt ein Zeitfenster für den „besten“ Schlaf. Die gute Nachricht: Um 24 Uhr ist es noch nicht geschlossen.

Dieser Beitrag wurde zuerst am 21. 6. 2017 auf ZEIT-online veröffentlicht

Schlafmittel

„Wer ein Schlafmittel eingenommen hat, ist zwar meist nicht mehr wach; aber richtig schlafen wird er selten“. Das ist die Übersetzung. Im Wissenschaftsdeutsch war der Satz ein Fazit eines der besten Vorträge, die ich beim Berliner Psychiaterkongress im November 2016 gehört habe. Gehalten hat ihn Dieter Kunz. Der ist im Hauptberuf Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin in Berlin und leitet außerdem die Arbeitsgruppe Chronobiologie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Er hat mir für einen Psychologie-heute-Beitrag auch schon sehr präzise auf meine Fragen zur 24-Stunden-Gesellschaft geantwortet.

Der jährliche DGPPN-Kongress

DGPPN-Kongress Berlin 2015

DGPPN-Kongress Berlin 2015

Den Kongress richtet die DGPPN jährlich aus, die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Er ist die Leistungsschau der einschlägigen deutschsprachigen Wissenschaftler. Das Publikum: Tausende praktisch tätige Leute aus der Psychobranche des Gesundheitssystems, die sich untereinander austauschen, vor allem aber ihr professionelles Wissen und Können auffrischen. Schlaf und Schlafstörungen inbegriffen. In Kapitel F, dem fünften, listet das ICD-Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation die „Psychischen und Verhaltensstörungen“. Die Schlafstörungen in Unterkapitel 51 gelten als eher unspektakulär, ein bisschen wie das Aschenputtel der Psychoberufe.

Schlaf – wichtig für das gesamte Leben

Aufstehen mit der Sonne - Varanasi/UP Indien

Aufstehen mit der Sonne – Varanasi/Indien © B.Knab

Doch in den letzten Jahren hat die Schlafforschung das Aschenputtel auf die große Bühne befördert. Inzwischen weiß man, dass Schlaf zum einen die klassischen, zentralen Themen der Psychologie erheblich beeinflusst: Denken, Fühlen und Wollen, oder auch: Kognition, Emotion und Motivation. Zum anderen haben die meisten Menschen mit psychischen Störungen auch Probleme mit dem Schlaf, mal mehr, mal weniger. Das verschlechtert ihre psychische Verfassung am Tage unter Umständen zusätzlich.

Die Psychiater hingen gebannt an Kunz‘ Lippen, der vortrug, was das Gehirn im Schlaf tut  und was Schlafmittel verändern. Der richtige Schlaf (samt „Schlafplot“ – in diesem Blog 22.9.2014): Leichtschlaf, Tiefschlaf und REM-Schlaf folgen regelmäßig aufeinander, das dauert 90 Minuten, und dann von vorne. Spindeln sind schnelle, sehr wachnahe Wellen. Deltawellen sind langsam. Spindeln markieren Leichtschlaf, Deltawellen Tiefschlaf, schöne Entspannung gibt’s im REM (neben Träumen in allen Varianten).

Was Schlafmittel im Gehirn bewirken

Ein Benzodiazepin ruft keinen solchen Schlaf hervor. Unter seinem Einfluss produziert das Gehirn viel mehr Spindeln als normal, und zwar in jedem Stadium und die ganze Nacht durch. Dieser Schlaf kann die üblichen Funktionen für Kognition und Erholung nicht gewährleisten. Abgesehen davon, dass diese Mittel süchtig machen. Das gilt zwar teilweise auch für die Z-Medikamente, doch Massen von Spindeln verursachen die nicht.

Sedierende (beruhigende) Antidepressiva machen nicht süchtig, weshalb viele Psychiater sie gerne gegen Schlafstörungen verschreiben. Aber sie verändern etwas anderes im Schlaf: mit einem Antidepressivum kommt man nicht nach einer guten Stunde im REM an – Kunz zeigte beeindruckende Schlafplots dazu –, sondern erst nach fünf. Dummerweise wissen wir heute, dass REM unerlässlich für diverse Gedächtnisprozesse ist, was nicht zuletzt Kunz‘ eigene Arbeitsgruppe belegt hat (hier der Originalbeitrag). Eine Option für richtigen Schlaf sind Antidepressiva deshalb auch nicht.

Erzwingen kann man guten Schlaf noch immer nicht wirklich. Lebensnotwendig ist er trotzdem. Insofern könnte er immer mehr ins Blickfeld der öffentlichen Gesundheitsfürsorge werden. Gewährleistung der Nachtruhe inklusive.

Schlaflieder – Schlafen und Musik

Gerade kam das neue Heft der Psychologie heute heraus. Darin steht auch mein neuester langer Artikel. Dort habe ich mich zwar weder dem Schlaf noch der Chronobiologie gewidmet, sondern der Musik. Aber die kann den Schlaf nicht nur stören, Stichwort dröhnende Bässe der Nachbarn. Sie kann ihn auch bahnen, Stichwort Schlaflied. Deshalb hier ein kleiner Hinweis.

Psychologie-heute August 2016 Beitrag Barbara Knab Musik

Psychologie-heute August 2016 Beitrag Barbara Knab Musik

Musikpsychologie

Der Titel des Beitrags heißt „Mit Musik wachsen“, und ich habe darin Geschichten und psychologische Studien zur Musik vorgestellt. Nicht Musiktherapie, sondern Musikpsychologie. Die möchte Fragen beantworten wie: Warum mögen wir Musik? Welche Musik mögen wir? Wann hören wir Musik? Wie ist es, wenn Kinder selbst musizieren lernen? Was geschieht, wenn Menschen sich mit der Musik einer anderen Kultur beschäftigen? Momentan kann man das Heft im Handel kaufen, Sie können aber auch genau meinen Artikel elektronisch bestellen, nämlich hier.

Musik – entspannt, konzentriert und typisch menschlich

Der Beitrag ist von der Zeitschrift superschön illustriert mit einem Mädchen, das pfeift und dirigiert, Sie sehen es oben direkt in der aufgeschlagenen Zeitschrift. Die Kleine ist ganz offensichtlich nicht nur froh, sondern auch hochkonzentriert. Wen sie da dirigiert und welche Melodie sie mitpfeift? Keine Ahnung. Musizieren schafft es jedenfalls nicht nur bei ihr, gleichzeitig höchste Konzentration und höchste Entspannung hervorzurufen. Flow nennt man das ja gerne.

Jede, absolut jede menschliche Kultur dieser Erde hat Musik, was manche Menschenfeinde nicht daran hindert, sie ächten zu wollen. Der Ursprung der Musik liegt vermutlich in der Babysprache, der Art, wie Erwachsene mit Babies reden. Mit dem Ausdruck „duziduzi“ hat sogar der Gerhard Polt mal eine etwas weniger poltrige Stimme aufgelegt.

Wiegenlied und Schlaflied

Noch ein bisschen weicher, und man ist beim Schlaflied. Alle Menscheneltern singen ihren Kindern Schlaflieder, um sie zu beruhigen und ihnen Gewissheit zu geben, dass die Umgebung sicher ist und alles in Ordnung. Womöglich brauchen Kinder Schlaflieder. Könnte auch ein in den Schlaf gesungenes Kind später auf die schreckliche Idee kommen, Musik sei unmoralisch? Man kann nur einschlafen, wenn man sich seelisch und körperlich entspannen, Pause machen kann. Auch manchen Erwachsenen fällt das leichter, wenn sie Musik hören. Nicht grade Hiphop oder sowas. Leise halt und rhythmisch ruhig.

CD-Cover_African-Dreams. Schlaf- und Wiegenlieder

CD-Cover_African-Dreams. Schlaf- und Wiegenlieder

CDs mit Schlafliedern

Die Firma Ellipsis Arts hat Schlaflieder aus aller Welt gesammelt, auf Englisch Lullabies. Die CDs heißen Mamas‘ Lullabies, Papa’s Lullabies usw. Eine davon heißt „African Dreams. Lullabies and Cradle Songs from the Motherland„. Vielleicht hat die kleine Dirigentin eins davon immer wieder gehört als kleines Kind? Oder doch eher: Schlaf, Kindlein, schlaf?