Mehr falsche Geständnisse nach Schlafentzug

Der Schlaf und die Psychologie kognitiver Leistungen werden schon länger gemeinsam untersucht. Diese Forschung hat gezeigt, wie (wenig) leistungsfähig Menschen sind, die nicht ausgeschlafen sind oder einfach zu lange auf den Beinen waren. Auch ich habe auf diesem Blog schon öfter etwas dazu geschrieben.

Wenn ich in einem Vortrag graphisch zeige, wie sich die Konzentrationsfähigkeit mit jeder Stunde Wachsein verändert (hier keine Graphik, sorry), dann ziehen die Leute regelmäßig die Luft durch die Zähne: Nach 23 Stunden Wachsein sind wir nämlich so „gut“ konzentriert wie mit einem vollen Promille Alkohol im Blut.

Mythos - keine falsche Erinnerung

Mythos – keine falsche Erinnerung

Falsche Erinnerungen

Ein Teil der Gedächtnispsychologie befasst sich mit „falschen Erinnerungen“ (z.B. Kapitel 3 in „Das Gedächtnis. Die etwas andere Gebrauchsanweisung„). Das sind Erinnerungen an unser eigenes Leben, die verdreht, verändert, ausgeweitet, verkürzt oder manchmal frei erfunden sind. Das hat verschiedene Gründe. Etwa: wir speichern Lebens-Erinnerungen nicht eins zu eins ab, sondern vor allem das Gerüst, den roten Faden (engl.: gist). Beim Abruf können dann Fehler passieren, je plausibler, umso wahrscheinlicher. Ein anderer: wir können uns viele Geschichten ausdenken. Je intensiver wir das tun, umso unsicherer werden wir, ob es nicht doch wirklich so passiert ist. Das kann man sogar psychotherapeutisch nutzen. Ein dritter: wir sind soziale Wesen. Wenn uns eine vertrauenswürdige Person versichert, wir hätten dann und dann dies oder jenes gesagt oder getan, dann nehmen das einige schon mal für bare Münze. Das ist dann eine induzierte falsche Erinnerung. Oder Suggestion.

Wann entstehen falsche Erinnerungen besonders leicht?

Nun ist es interessant, ob solche Suggestionen bei bestimmten Persönlichkeiten auf besonders fruchtbaren Boden fallen, oder ob sie in bestimmten Situationen häufiger sind. Gerade eben hat eine Arbeitsgruppe um Elizabeth Loftus, die Grande Dame der „False-memory“-Forschung, eine solche Studie vorgestellt. Sie nimmt den Schlaf in den Blick – und falsche Geständnisse.

Schlafentzug macht falsche Geständnisse sehr viel wahrscheinlicher

Die Probanden bearbeiteten abends eine Aufgabe. Sie wurden eindringlich davor gewarnt, auf die esc-Taste zu drücken. Taten sie auch nicht. Nun durfte die Hälfte in der nachfolgenden Nacht ganz normal schlafen, die andere nicht. Nach einer durchwachten Nacht ließen sich die Leute mit dreimal so hoher Wahrscheinlichkeit einreden, doch auf escape gedrückt zu haben, als nach normalem Schlaf. Ganz besonders anfällig dafür war, wer generell dazu neigt, impulsiv zu urteilen. Impulsiv urteilt, wer sehr schnell urteilt, ohne nochmal kritisch die Fakten zu checken.

Generell gestehen Menschen, die suggestiv verhört werden, sogar kriminelle Handlungen, die sie gar nicht begangen haben. In den USA, sagt die Studie, falle mindestens jedes sechste Geständnis unter die „falschen“. Nach dieser Studie nun muss man damit rechnen, dass unter Schlafentzug ein falsches Geständnis noch viel wahrscheinlicher ist. Wer also zulässt, dass unausgeschlafene Angeklagte verhört werden, womöglich noch mit suggestiven Methoden, riskiert den Rechtsstaat.

Einsam wacht die Chefetage

Albert Einstein und Johann Wolfgang von Goethe hätten im Deutschland von 2011 wenig Aussicht auf eine herausragende Position, egal in welcher Branche. Die beiden beharrten nämlich auf ihrem täglichen Zehn-Stunden-Schlaf. So jemand, versichert zumindest jede dritte der 500 Highest-Level-Führungskräfte Deutschlands, die das Allensbacher Institut kürzlich in seinem „Capital-Spitzenkräfte-Panel“ befragte, wird es gar nicht erst in die höheren Hierarchieebenen deutscher Institutionen schaffen.

Die Chefs bzw. Spitzenkräfte aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung selbst jedenfalls schlafen regelmäßig weniger, als sie gerne schlafen würden – im Durchschnitt kommen sie auf sechs Stunden und sechzehn Minuten. Kann das ausreichen? Oder umgekehrt: Hat das Folgen? Immerhin schlafen sie damit ziemlich exakt eine Stunde weniger als die Deutschen allgemein – und wer als Medium über die Meldung berichtet, sagt meist „Deutsche Chefs schlafen zu wenig“. Dabei blieb es dann meistens.

Leider ist der kurze Schlaf keineswegs das Privatproblem der „Spitzenkräfte“, selbst wenn sie ihren Schlaf „nur“ absichtlich kappen und (noch) keine Schlafstörungen haben (deren Häufigkeit steigt linear mit der Arbeitsbelastung). In den letzten Jahren hat sich die Schlafforschung nämlich intensiv damit beschäftigt, was der gute Schlaf mit mentalen Fähigkeiten zu tun hat, mit kognitiven wie emotionalen. Und das ist eine ganze Menge. Wer immer zu Protokoll gibt, gerne „mehr zu schlafen“, tut das, weil er oder sie sich tagsüber müde oder sehr müde fühlt. So jemand leidet unter chronischem Schlafmangel.

Eine ganze Reihe experimenteller Studien hat empirisch überprüft, was dabei passiert (ein relativ aktuelles Beispiel hier, über weitere werde ich sukzessive an dieser Stelle berichten). Das Ergebnis: Die geistige Leistung sinkt teilweise erheblich, Entscheidungen werden zufälliger getroffen. Abgesehen davon, dass die Stimmung der Betroffenen leidet. Da nun die Leistungsanforderungen gerade von „Spitzenkräften“ zweifellos mentaler Natur sind, sollten wir alle ein Interesse daran haben, dass diese Leute ausgeschlafen sind. Die Folgen der schläfrigen Chefetage baden nämlich alle aus: Von falschen Entscheidungen über erstaunliche Kommunikationsweisen bis hin zu gesundheitlich riskanten und inhaltlich inadäquaten Anforderungen an Mitarbeiter. Nicht zuletzt solche, über die wir auf der „Permanent-online?!“-Tagung in Tutzing gesprochen haben – siehe Eintrag vom 31.7.

Es hilft nichts: Wenig schlafen ist weder heldenhaft noch ehrenvoll und schon gar nicht intelligent. Es macht statt dessen dumm und unflexibel. Auch Chefs. Irgendwann dazu mehr in diesem Blog.

Dass es nebenbei auch noch krank macht, steht auf einem anderen Blatt (dazu hat Burkhart Röper schon ein paar Worte auf seinem Blog verloren) .

Immer erreichbar für die Chefs?

Permanent Online?!, fragte die Evangelische Akademie Tutzing Ende Juni 2011 mit einer Tagung (Materialien hier). Führungskräfte, Berater jeder Art und Betriebsräte diskutierten ausgiebig. Die Zeit dafür war reichlich bemessen, nach den Vorträgen des ersten und in den Workshops des zweiten Tages, vor allem aber in den tutzing-typischen Zeiten dazwischen.

Die Vorträge zeigten, unter welchem zeitlichen Druck zumindest Fach- und Führungskräfte in den Firmen heutzutage stehen, und wie das mit dem gestiegenen psychischen Druck zusammenhängt – Stichwort Burnout.  Die Arbeitszeitgesetze etwa greifen nicht und sind überdies in manchen Punkten vorsintflutlich. So gilt es formal als Arbeitszeit, wenn mich mein Chef abends um zehn anruft. Ab diesem Zeitpunkt müssen eigentlich elf Stunden vergehen, bis ich wieder für die Firma tätig werde. Das ist, gelinde gesagt, illusorisch, wird also ignoriert. Zeitgemäße Lösungen müssten anders aussehen. Die einzige Chance, so Robert Fischer vom Gesamtbetriebsrat der Allianz, sind firmeninterne Vereinbarungen. Insofern sind Smartphone, E-Mail & Co. samt der flexiblen Arbeitszeit angenehm, aber sie haben eine Kehrseite. Die ist erstmal organisatorisch und kulturell, nicht technisch: Seit es möglich ist, ständig erreichbar zu sein, wird es auch erwartet, im Zweifel 24 Stunden. Damit wird es zunehmend schwieriger, überhaupt ein Privatleben zu pflegen; ganz zu schweigen davon, es von der Arbeit getrennt zu halten.

Insofern war es geradezu rührend, dass Daniel Leicher, eingeladener “Digital Native” und frischgebackener Abiturient, einerseits genau das als völlig selbstverständliche Anforderung an seinen späteren Job formulierte: Trennung von Arbeit und Privatleben. Andererseits, bei “Facebook vorbeischauen” zu dürfen, wann immer er das wolle. Auf die Frage, wie viele Stunden er denn genau online sei, antwortete er absolut verständnislos: “Das kann ich nicht sagen, wir gehen nicht ins Netz, wir sind immer drin”. In seinem Blog nennt er diese Frage später “konfus”. Ich allerdings musste schmunzeln, weil mir die gleiche Frage auf der Zunge gelegen hatte: Schließlich wird (und kann) es kein Chef zulassen, dass ein Mitarbeiter während der Arbeitszeit “ständig” nebenbei auch noch privat online ist, digitaler Eingeborener hin oder her.

Was die Tutzinger Organisatoren um Philip Büttner und Martin Held “Erreichbarkeitsökonomie” getauft hatten, ist tatsächlich weniger eine Frage des Internets als der Menschen bzw. der Psychologie. Das Internet ist da, wie Richard Gutjahr richtig formuliert hatte. That’s it. Ich persönlich finde, es wird von beiden Extremen überschätzt: Von denen, die es schlecht bedienen können und deshalb Angst davor haben, genauso wie von denen, die befürchten, einen Tag ohne ihre sozialen Netzwerke nicht zu überleben. Die Frage ist: Wie gehen wir als Menschen damit um? Lassen wir unser Leben und Arbeiten von dem diktieren, was technisch möglich ist? Oder überlegen wir uns vorher, was wir als Menschen brauchen, um gesund zu leben und produktiv zu arbeiten? Das ist keine Frage des Internets; es sind Fragen der Biologie und der Psychologie.

Folgerichtig diskutierten die meisten Workshops tendenziell psychologische Fragen. In meinem eigenen Workshop stellte ich anhand einiger Beispiele vor, wie wir Psychologen Leistung testen und wie biologische Rhythmen geistige Leistung beeinflussen. Einerseits geht es dabei um die Folgen von Schlafmangel, andererseits direkt um Tageszeitenrhythmen. Wir beschäftigten uns auch mit Pausen, die zwar Tätigkeiten unterbrechen – sinnvollerweise nach etwa anderthalb Stunden -, aber letztlich die Leistung erhöhen. Wobei ein Anruf oder eine E-Mail eine erzwungene Unterbrechung sind und gerade keine Pause. Und schließlich mit dem Thema, das letztlich eine Mischung aus Chronobiologie und klassischer Psychologie ist: Multitasking. Immer wieder wird es gefordert und die sogenannte Multitasking-Fähigkeit als Inbegriff höherer Intelligenz gepriesen. Dabei bestätigt die Psychologie seit den Anfängen der Aufmerksamkeitsforschung, dass “dual tasking” und vor allem Multitasking Leistungen grundsätzlich beeinträchtigt. Erst kürzlich ging der schöne Titel über den Ticker des idw (Informationsdienst Wissenschaft): Beim Multitasking sind alle gleich – schlecht.