Schlafkunde – was es so über Schlaf zu sagen gibt

Nach wie vor gilt Jürgen Zulley als „Schlafpapst“ Deutschlands. „Sein“ Schlaflabor in Regensburg war ständiger Gast im Fernsehen, und er natürlich mit. In seinen kurzen Statements erklärte er dabei wie in seinen Vorträgen lustig, kolloquial und in ganz normalem Deutsch, was es mit dem Schlaf auf sich hat, mit den Schlafstörungen und mit der Chronobiologie. Jetzt hat er ein kleines Buch herausgebracht, in dem er genau das auf aufgeschrieben hat.

Schlafkunde_ZulleyDieses Büchlein heißt ausdrücklich Schlafkunde, weil es Wissen vorstellt; es will keine Beratung oder gar Therapie bieten. Es versammelt 22 prägnante, einzeln lesbare Artikel über alle möglichen Fragen, die immer wieder rings um den Schlaf auftauchen. Die meisten haben Menschen in Klinik oder Universität irgendwann an ihn herangetragen. Er beschreibt wissenschaftlich, was beim Schlafen so im Gehirn passiert, aber er diskutiert auch strittige Themen wie die Frage, ob der Vollmond irgendeinen Einfluss auf den Schlaf hat (sein Schluss aus der Gesamt-Forschungslage heißt: definitiv keinen). Er befasst sich mit praktischen Dingen wie Schlaf und Reisen, Schlaf und Ernährung oder Schlaf und Sport.

Zulley ist Chronobiologe der ersten Stunde – er war Mitglied der Forschungscrew bei den weltberühmten Versuchen zur Inneren Uhr, die Jürgen Aschoff in den 1960er- und 70er-Jahren in einem unterirdischen Forschungslabor im Andechser Berg leitete. Auch darüber berichtet er. Außerdem nimmt er kompetent Stellung zu Fragen, wo sich Schlaf und Chronobiologie treffen: zum Mittagsschlaf – sinnvoll; zum Schulbeginn – da gibt es ein Forschungsdefizit; zur Sommerzeit – ohne jedes Wenn und Aber schädlich; zum Licht – schlichtweg unerlässlich; zu Jahres-, Wochen- und Tagesrhythmen allgemein – sie sind Teil unseres biologischen Erbes, deshalb geht es uns nur gut, wenn wir sie respektieren.

Die meisten Kapitel basieren Zulleys Kolumnen in der Patientenzeitschrift Schlafmagazin, andere sind für dieses Büchlein ergänzt. Die Texte, die sich so locker lesen, als hielte der Autor gerade einen Vortrag, spannen einen schönen Bogen vom Allgemeinen zum Besonderen. Wer immer sich einfach vergnüglich informieren will, ohne sich intensiv in die Fachliteratur zu vergraben, ist damit wunderbar bedient.

Sie können es direkt beim Verlag bestellen.

 

Alternative Fakten, Wikipedia und die Wissenschaft

Vorgestern kommentierten auf ZEIT-online 67 Diskutanten meinen ZON-Beitrag über die Frage, ob man nun vorschlafen kann oder nicht.* Als ich gestern dazukam, mir die Kommentare anzuschauen, hatte ich außerdem von einer 68. Person eine E-Mail dazu bekommen. Dieser Herr und zwei Kommentatoren wussten über eine Frage viel besser bescheid als ich. Diese Frage war für den Artikel nicht zentral, und deshalb musste ich erst einmal lachen. Dann habe ich überlegt, dass diese drei Kommentare auch zeigen, wie Leute hierzulande mit Wissenschaft umgehen. Deshalb habe ich nicht nur allen dreien geantwortet, sondern schreibe auch hier noch etwas dazu.

In Frage stand das „zirka“ bzw. „circa“ in dem chronobiologischen Begriff „zirkadian“, den Franz Halberg geprägt hat. Das bedeutet „ungefähr“, und es wurde gewählt, weil der 24-Stunden-Rhythmus zwar endogen ist, seine Periodenlänge aber normalerweise nur ungefähr, nicht exakt, 24 Stunden dauert. Das ist für unser Leben auf der Erde durchaus von Vorteil, doch das ist eine andere Geschichte. Dieses zirka kommt nicht nur in zirkadian vor, sondern auch in zirkannual, zirkalunar und zirkaseptan (siehe Zulley & Knab, 2015 oder auch Unsere Innere Uhrannus heißt Jahr, luna heißt Mond und septem heißt sieben).

Die drei meinten also (bzw. zwei davon, einer schrieb einfach nur verklausuliert dumme Kuh, keine Ahnung), „zirka“ komme vom lateinischen „circus“, was Kreis heißt, und beschreibe im Prinzip sowas wie den Tages“kreislauf“.

Das Dumme ist nur: Wie überzeugt die drei auch immer gewesen sein mögen – die Sachlage ist eine andere. Es handelt sich bei dieser Frage nicht um etwas, was wissenschaftlich irgendwie strittig wäre, es ging auch nicht um den Beitrag an sich; es ging „nur“ um Wissenschaftsgeschichte. Wieso war ihnen das so wichtig? Freundlicherweise hat einer der drei den Wikipedia-Eintrag zur Chronobiologie verlinkt. Und dort steht sie tatsächlich, diese eigentlich unbedeutende Behauptung, die aber trotzdem frei erfunden ist und somit fraglos zu dem gehört, was man neuerdings „alternative“ Fakten nennt. Es führt die Wikipedia-Leser nicht nur in die Irre, sie glauben es dann auch noch besser zu wissen als die Chronobiologen selbst.

Genau genommen kann man darüber zwar lachen, auch über die durchaus herablassende Diktion. In Wirklichkeit ist es eher tragisch. Die Leute interessieren sich für Wissenschaft und lesen Texte darüber. Trotzdem scheinen sie kritiklos zu glauben, was sie im Netz finden, jedenfalls solange es ihrem Weltbild nicht widerspricht. Genau darüber klagen Lehrer und Unidozenten ständig, teilweise ist Wikipedia als Quelle sogar verboten. Nützt nix.

Nach welchen Kriterien beurteilen Leser die Wikipedia-Texte? Ist Wikipedia ihre letzte Instanz? Blenden die Leute aus, dass es bei Wikipedia immer Fehler gibt? Obwohl das alle wissen? Oder sind es halt doch nur Trolle? Ich gebe zu, ich habe mich nicht angemeldet und diesen Eintrag geändert. – Kommentare gerne per e-Mail – info – at – barbara minus knab punkt de.

* Antwort in einem Satz: Man kann es eigentlich nicht. Manchmal sieht es zwar so aus, aber einiges spricht dafür, dass man dann in Wirklichkeit nachschläft. Nachschlafen funktioniert nämlich sehr wohl. Es hilft, wenn man einmal oder eine ganze Weile zu wenig geschlafen hat. Das erleben nicht nur Menschen mit Schlafstörungen, sondern viele, die von Lärm oder Stress geplagt und ständig geweckt werden, oder die aus beruflichen Gründen zu wenig schlafen (allen voran Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder eingeschlossen). Außerdem kommen all die zu wenig zum Schlafen, die gerne Nächte durchfeiern oder zeigen müssen, wie erwachsen sie schon sind.

Gefängnis: Abwechselnd schlafen?

Istanbul- eigentlich großartig

Istanbul- eigentlich großartig

Cover Can Dündar„Sie konnten nur abwechselnd schlafen“ – schon wieder stand das in der Süddeutschen über ein türkisches Gefängnis. Christiane Schlötzer erwähnte es in ihrer heutigen Besprechung von Can Dündars „Lebenslang für die Wahrheit“. Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Cumhüriyet, momentan im Exil, hat das Buch geschrieben, als er letztes Jahr 92 Tage im Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri eingesperrt war. Erst letzte Woche hatte Yavuz Baydar in der SZ die aktuelle Lage in der Türkei beklagt: „Das Gefängnis ist überfüllt. Die Inhaftierten müssen sich beim Schlafen abwechseln.“

Zu eng zum Schlafen?

„Abwechselnd schlafen“ müssen – da leidet man unmittelbar mit. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie überfüllt und eng es ist in der Gefängniszelle ist, schließlich muss dann weniger Platz sein als in einem Notzelt. Diese Enge kann alle möglichen Folgen haben, vor allem psychische. Gut ist keine davon.

Abwechselnd schlafen: da muss jeder zweite falsch schlafen

Doch es kommt noch etwas hinzu, wenn Menschen „abwechselnd“ schlafen müssen. Wer systematisch am Schlafen gehindert wird, erlebt Folter. Die alten Römer nannten das „tormentum vigiliae“. Und wer sich mit anderen beim Schlafen abwechseln muss? Das bedeutet, jeder zweite muss zu einer Zeit schlafen, wo der Organismus gar nicht darauf eingestellt ist, nämlich tagsüber. Da schläft man schlecht und langfristig macht es krank.

Warum „falsch“ schlafen krank macht

Normalerweise sind die zirkadianen biologischen Rhythmen gut aufeinander eingespielt. Und das müssen sie auch sein, damit wir gesund bleiben. Nimmt man einen heraus – etwa indem man nachts am Schlafen gehindert wird – kommen die Rhythmen leicht durcheinander. Für ein paar Tage kommt die innere Uhr damit zurecht – siehe Nachtarbeit. Dauert es länger, schadet es der Gesundheit. Erst geht es auf das Herz-Kreislauf-System, langfristig befördert es Krebserkrankungen.

Schlaf im Gefängnis

Freiheit und Kunst - gefunden in einem Opernhaus

Freiheit und Kunst – gefunden in einem Opernhaus

Klar, wer im Gefängnis sitzt, hat andere Sorgen als die eigene Gesundheit in fernerer Zukunft. Dennoch schädigt eine Inhaftierung dieser Art die Betroffenen nicht nur seelisch, sondern zumindest über die Schlafschiene auch körperlich. So wird ihnen sehr viel mehr entzogen als „nur“ die Freiheit. Dabei hat man im Gefängnis ohnehin mehr Probleme mit dem Schlafen als daheim, wie eine Überblicksarbeit aus England kürzlich nachwies.

Schlafmythen: Der Schlaf vor Mitternacht (2)

Sonnenuntergang Maisur/Mysore

Hier also der zweite Teil zur Frage, ob der Schlaf vor Mitternacht der beste sei. Das Foto oben ist aus Südindien, also aus einer Gegend der Welt, wo die Sonne sehr früh untergeht, und das ganze Jahr über fast zur gleichen Zeit. Auf die astronomische Mitternacht hat das keinen Einfluss.

Schlaf und Körpertemperatur sind zirkadian

Zwölf Uhr Nacht ist also nicht identisch mit der astronomischen Mitternacht. Doch auch vor der liegt der beste Schlaf nicht unbedingt, jedenfalls nicht der ganze. Ist es also egal, wann man schläft? Das stimmt auch wieder nicht, und zwar vom Kind bis zur Greisin. Es liegt an der Körpertempertur. Die ist nämlich nicht ständig gleich. Sie verändert systematisch über 24 Stunden. In chronobiologischer Ausdrucksweise ist sie eine zirkadiane Variable, genau wie der Schlaf auch. Nachmittags ist die Temperatur am höchsten, am tiefsten ungefähr 12 Stunden später, also nachts. Dieser Tiefstpunkt liegt bei den meisten Leuten zwischen zwei und vier Uhr morgens. Danach steigt die Temperatur wieder. Wenn wir um die Zeit des Temperatur-Minimums wach sind, frieren wir und werden hungrig. Deshalb nennen Chronobiologen diesen Zeitpunkt auch die „biologische Mitternacht“.

Schlaf vor der biologischen Mitternacht

Es ist diese biologische Mitternacht, die dann doch ziemlich viel damit zu tun hat, wann der beste Schlaf stattfindet. Vor der biologischen Mitternacht können Erwachsene Tiefschlaf haben, später praktisch nicht mehr. Tiefschlaf aber ist der Schlaf, den wir subjektiv als besonders gut erleben; wir wachen dann nämlich nicht so leicht auf, selbst wenn es laut ist (zum Lärm und seinen Folgen gibt es übrigens in der März-Nummer 2016 der „Psychologie Heute“ eine Geschichte von mir; nicht nur die Folgen für den Schlaf). Auch nach der Schlafpolygraphie (Erklärung zum Beispiel hier) ist Tiefschlaf der beste Schlaf. Er trägt nämlich entscheidend dazu bei, wie erholt wir uns fühlen am nächsten Tag. Außerdem unterstützt er das Gedächtnis. Insofern ist der beste Schlaf also tatsächlich nicht vor der astronomischen Mitternacht, wie es die Großeltern immer predigten. Aber vor der biologischen Mitternacht ist er schon.

 

 

 

Schlafmythen: Der Schlaf vor Mitternacht (1)

Im vorletzten Heft von „Psychologie Heute“ habe ich einige der gängigen Schlafmythen vorgestellt. Ein Mythos ist eigentlich eine Erzählung über graue Vorzeiten, darüber, wie die Welt entstand oder die eigene Gruppe. Der Inhalt muss also keineswegs zutreffen. Genau das ist auch die übertragene Bedeutung von Mythos: eine Art Ammenmärchen.

Der Schlaf vor Mitternacht ist der beste?

Nun erschien der Schlaf unseren Vorfahren durchaus merkwürdig. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie sich ihren eigenen Reim darauf machten. Einige dieser „Reime“ haben sich inzwischen als Mythen über den Schlaf herausgestellt. Zu den berühmtesten gehört die Überzeugung, der Schlaf vor Mitternacht sei der beste. Weshalb brave Kinder selbstverständlich früh schlafen gehen sollten, damit etwas aus ihnen würde. Heutige Eltern tun sich ein wenig hart damit, ihren Kindern die Botschaft nahezubringen. Das ändert nichts daran, dass sie ihr anhängen.

Die Mitternacht

Richtig ist sie trotzdem nicht . Es beginnt damit, dass 24 Uhr nicht unbedingt die Mitte der Nacht markiert. Eigentlich ist die Mitternacht eine astronomische Größe. Sie liegt genau zwölf Stunden nach dem Zeitpunkt, zu dem die Sonne mittags am höchsten steht. Das wäre theoretisch um 12 Uhr, praktisch nicht ganz: Während der Sommerzeit gilt es sowieso nicht. Aber auch in den Monaten von November bis März, in denen die echte Mitteleuropäische Zeit (MEZ) gilt, ist um 24 Uhr nicht in ganz Deutschland astronomische Mitternacht. Die MEZ gilt astronomisch nämlich nur rund um den 15. Längengrad Ost, und der geht durch Görlitz an der Neiße. Schon in München steht die Sonne im Winter erst um 12.15 Uhr am höchsten, je weiter man nach Westen kommt, umso später (3,75 Grad entsprechen einer Viertelstunde – dazu mehr in meinem Beitrag zum Schlaf von Jugendlcihen in „Praxis der Naturwissenschaften„). Entsprechend später ist die astronomische Mitternacht. Der „Schlaf vor Mitternacht“ dauert zumindest während der Sommerzeit fast überall länger als bis ein Uhr nachts.

Zweiter Teil im nächsten Beitrag.