Schlafblog, Corona und das Leben

Seit einem Jahr habe ich hier nichts geschrieben, Corona hat mir ein bisschen die Schlaf-Sprache verschlagen. Nachdem uns Covid19 aber noch länger begleiten wird, Impfstoffe hin oder her, fange ich wieder an. Abgesehen davon, dass diese Corona-Erkrankung nicht die letzte Zoonose sein wird.

Positiv an dieser Seuche erscheint mir, dass die Leute nicht arbeiten gehen, wenn sie krank sind, außer vielleicht ins sogenannte Home-Office. Außerdem meldet die Ärzteschaft, dass es heuer kaum Grippefälle gibt, was auf die AHA-Regeln zurückgehen dürfte – Abstand, Händewaschen und Atemmasken halten offenbar auch andere Kleinstlebewesen davon ab, von einem Menschen zum nächsten zu hüpfen.

Corona psychologisch

Das Bild der Seuche – die Maske

Der Rest ist weniger schön: die staatlichen seuchenpolitischen Maßnahmen strangulieren die Profi-Kultur (während der Profi-Fußball weitergeht, das verstehe, wer will), Soloselbständige und kleinere Unternehmen werden pleite gehen, Paketfluten, häusliche Gewalt und Armut haben schon zugenommen, Verschwörungstheorien auch.

Vermutlich kann man es nicht wirklich richtig machen, schon deshalb möchte ich noch weniger als sonst in der Haut der Regierenden stecken. Eins könnten sie aber sehr wohl vielleicht nicht völlig richtig, aber doch erheblich besser machen: die offizielle Kommunikation, allem voran, wie die Public-Health-Maßnahmen begründet werden – denn das ist definitiv nicht professionell genug. Und wenn Quarantäne-Pflichtige von den Gesundheitsämtern Briefe bekommen, die sich lesen, als kämen sie direkt aus einer wilhelminisch-obrigkeitsstaatlichen Schreibstube, dann unterminiert das in mehr als fahrlässiger Weise, was unerlässlich ist: Eigenverantwortung.

Neuer Untertitel für mein Schlafblog

Was ich erstaunlich finde: Vor einem Jahr wären sicher die wenigsten Landsleute auf die Idee gekommen, in der besten aller Welten zu leben. Heute scheinen sie sich flächendeckend danach zu sehnen, dass alles wieder wird wie „früher“.

Da traf man sich und fiel sich in die Arme und um den Hals, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob unter den Viren & Co., die man weitergab, vielleicht auch gefährliche sein konnten. Manche sahen ihren Lebenssinn im „Feiern“, und wer Lust hatte, flog für 20 Euro nach „Malle“ oder für ein paar mehr nach New York. Und so kam es, dass viele Menschen Shoppen, Feiern, Wellness, Lifestyle und Schönheit für das Wichtigste im Leben hielten.

Leider konnte man den Untertitel meines Schlafblogs, nämlich „Gut schlafen, gut leben, gut denken“, als Lifestyle-Motto missverstehen. Als hätte ich genau diese Gruppe ansprechen wollen. Das war natürlich nicht so, im Gegenteil. „Gut leben“ kann nämlich manchmal – auch das ist Wissenschaft – das Gegenteil dessen heißen, was sich ein Shoppen-Lifestyle-Party-Kopf so ausdenkt.

Sonnenuhr – traditionell misst sie die Zeit.
Hier die am Rathausturm in Würzburg

Neu: Schlafblog – 24 STUNDEN LEBEN

Ausgerechnet in Corona-Zeiten erscheint es noch unpassender als „früher“, würde jemand mein Blog mit Lifestyle assoziieren. Der neue Untertitel 24 STUNDEN LEBEN nimmt deshalb direkter in den Blick, dass wir übers ganze Leben gerechnet gerade mal zwei von drei Stunden nicht schlafen. Was immer wir in diesen zwei Dritteln des Lebens tun, gut werden wir es nur machen können, wenn wir zuvor geschlafen haben.

Ein Tag dauert so lange wie die Erde braucht, bis sie sich einmal um sich selber gedreht hat. Diesen Tag haben Menschen in 24 Stunden eingeteilt. Wir leben in all diesen 24 Stunden – wir füllen sie mit Leben. Deshalb: Schlafblog – 24 stunden leben, oder auch: 24 STUNDEN LEBEN.

Eigentlich ist die Sache mit Schlafen und Wachen völlig einfach. Wir können nicht wach, aktiv und klar im Kopf sein, wenn wir zu lange nicht geschlafen haben. Aber wir können auch nicht schlafen, wenn wir nicht lange genug wach waren.

Chronobiologie: Licht und Dunkel, Wachen und Schlafen

Gleichzeitig sind Schlafen und Wachen eng mit der Sonne verbunden, mit Licht und Dunkelheit, also mit der Zeit auf der Erde. Die Chronobiologie ist die Biologie der Zeit und untersucht, wie die Zeit die Lebewesen beeinflusst. Auch uns Menschen.

Wir sind tagaktive Lebewesen, die Licht und Sonne brauchen und mit der Dunkelheit Probleme haben. Es beginnt damit, dass wir dann extrem schlecht sehen. Sämtliche Spuren früherer Generationen zeigen, dass Menschen immer schon über das Licht nachgedacht, es gefeiert und sogar religiös überhöht haben. Die Kehrseite: die Dunkelheit wurde abgewertet. Das hat sich bis heute in der Sprache niedergeschlagen, etwa in Wörtern wie schwarzfahren, Schwarzgeld oder Schwarzbuch (es ist eine Kinderetymologie, das mit Hautfarbe zusammenzubringen).

Unsere Vorfahren haben auch immer versucht, die Nacht zu erleuchten, mit Feuer, Kerzen oder Gaslicht. Seit einiger Zeit gibt es die elektrische Beleuchtung, sie ist heute so flächendeckend, dass man sie aus dem All erkennen kann. So schuf der Menschheitstraum „Licht in der Nacht“ nciht nur Probleme für die Tiere, sondern auch für uns selbst. Eins können wir nämlich im Dunkeln viel besser als im Hellen: schlafen. Und das müssen wir unbedingt.

Europäische Union (EU), Mitteleuropäische Zeit (MEZ) und politisches Framing

Am letzten März-Wochenende habe ich auf ZEIT-online zusammengefasst, wie es die Gesundheit beeinträchtigt, dass wir bisher zweimal jährlich die Uhren umstellen mussten. Das können Sie hier anklicken.

EU-Umfrage zur sogenannten Zeit-Umstellung

Echte Zeit oder MESZ? Nicht erkennbar.

Echte Zeit oder MESZ? Nicht erkennbar.

Mit kleinen Veränderungen finden Sie den Text auch hier, weil ihn die Redaktion erneut hochgeladen hat, nachdem die Ergebnisse der EU-Umfrage zur Uhrenumstellung bekannt waren. Die EU-Kommission hatte die 512 Millionen EU-Bürger dazu online befragt, geantwortet haben lausige 4,6 Millionen, davon drei Millionen aus Deutschland. Die übergroße Mehrheit, vier von fünf, plädierte dafür, die Uhren nicht mehr umzustellen. Ich natürlich auch.

All denen, die keine Uhrenumstellung wollten, hatte die EU-Kommission noch eine zweite Frage gestellt: Sie fragte, ob sie lieber ständig „Winterzeit“ oder ständig „Sommerzeit“ haben wollten.

Politisches Framing

Diese zweite Frage ist suggestiv. Früher nannte man so etwas Propaganda, heute vornehmer „Politisches Framing„. Mit dem Thema „Framing“ wurde die US-Professorin Elisabeth Wehling, die aus Hamburg stammt, bekannt: Sie wendet ein psychologisches Phänomen auf die Sprache der Politik an. Es war Daniel Kahneman, der den Begriff in der Psychologie erstmals benutzte. Er ist ebenfalls US-Professor und außerdem bekam er 2002 den „Preis der Bank von Schweden“, einen Wirtschaftspreis, der als Analogon zum Nobelpreis gilt. Er bekam ihn dafür, dass er empirisch belegte: der Mensch hat, anders als die Ökonomie behauptet, außer seinem persönlichen Profit noch eine Menge anderes im Sinn.

Daniel Kahneman ist Psychologe und er hat in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ viele „Framing“-Geschichten beschrieben. Die laufen oft auf Szenarien dieser Art hinaus: Wenn man Menschen erzählt, eine Sache gehe mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit gut aus, entscheiden sie sich meistens dafür; erzählt man ihnen, das Risiko des Scheiterns der gleichen Sache betrage 10 Prozent, lassen sie die Finger davon. Dabei ist das Risiko in beiden Fällen exakt gleich. Aber die meisten Menschen nehmen ein Bild als völlig anders wahr, je nachdem, ob man den Scheinwerfer auf das Positive richtet oder auf die Gefahr. Das ist der Rahmen; er verändert ihr subjektives Bild so stark, dass sie die Entscheidung daran ausrichten, wie das Bild gerahmt ist.

Framing Sommer, Framing Winter

Genau das passierte notwendig bei der EU-Befragung. Sommerzeit – diesen Begriff sieht man unwillkürlich in dem „Rahmen“ Sommer, Sonne, Urlaub, blaues Meer oder zumindest Biergarten und lange, laue Abende draußen. Zum „Rahmen“ für Winterzeit dagegen gehört Kälte, Dunkelheit, Heizen, Innenräume und schlechte Verkehrsverhältnisse. Da wundert man sich nicht darüber, was so viele aus Deutschland wählten, vermutlich vorwiegend Kinderlose und Leute mit Normalarbeitszeiten.

Die einzige "echte" Zeitmessung: Sonnenuhr

Einzig „echte“ Zeitmessung: Sonnenuhr

Uhrzeit und Zeitzonen

Der Witz dabei: Die Uhrzeit ist immer künstlich. Natürlich ist nur die biologische Zeit, und die kommt von der Sonne (genauer: davon, dass die Erde sich – um 23° schiefgestellt – um die Sonne dreht). Deshalb nannten unsere Vorfahren den Zeitpunkt, zu dem die Sonne am höchsten steht, Mittag, die Mitte des Tages – Menschen können diesen Zeitpunkt seit tausenden von Jahren bestimmen. Da sie den Tag in zweimal 12 Stunden eingeteilt haben, ist es am Mitt-Tag 12 Uhr. Nur wegen der wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Verflechtung wurden am Ende des 19. Jahrhunderts 24 Zonenzeiten über je 15 Längengrade eingeführt, im Deutschen Reich am 1. 4. 1893. Die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) ist die Lokalzeit des 15. Längengrades, in Deutschland liegt dort Görlitz. Das ist keine „Winterzeit“, sondern die (angenäherte) Sonnenzeit zwischen 7,5°Ost und 22,5° Ost, im Korridor der MEZ.

Tschernobyl – Framing für die Gesundheit

Die „Sommerzeit“ jedoch ist die Lokalzeit von – ja, St. Petersburg, Kiew oder Antalya. Das mag im Juli wenig auffallen, aber im März und im Oktober stört es fast alle, die morgens aufstehen müssen. Nur wer seine Innere Uhr mit der Sonne synchronisieren kann statt mit der EU-Uhr, kann darüber lachen, etwa der Arzt bei uns in Bayern, den die Süddeutsche vorgestellt hat. So einen Menschen habe ich letzten Freitag persönlich kennengelernt. Ich hatte einen Vortrag zum „Timing des Schlafens“ gehalten, in der Burgenlandklinik in Bad Kösen. Mittags sprach mich dann ein sehr freundlicher Psychiater an, ein gut gelaunter, ganz offensichtlich in sich ruhender Mensch. Er erzählte, dass er sich schon immer weigert, die falschen Uhrenvorgaben umzusetzen, er lebe einfach nach der Lokalzeit. Dieser Psychiater erzählte schmunzelnd, wie er das seinen Mitmenschen erklärt: Ihr richtet Euch im Sommer nach der Tschernobyl-Zeit, ich nach der Sonne. Das ist Framing, und geographisch ist es vollkommen korrekt: Tschernobyl liegt direkt nördlich von Kiew.

Schlafkunde – was es so über Schlaf zu sagen gibt

Nach wie vor gilt Jürgen Zulley als „Schlafpapst“ Deutschlands. „Sein“ Schlaflabor in Regensburg war ständiger Gast im Fernsehen, und er natürlich mit. In seinen kurzen Statements erklärte er dabei wie in seinen Vorträgen lustig, kolloquial und in ganz normalem Deutsch, was es mit dem Schlaf auf sich hat, mit den Schlafstörungen und mit der Chronobiologie. Jetzt hat er ein kleines Buch herausgebracht, in dem er genau das auf aufgeschrieben hat.

Schlafkunde_ZulleyDieses Büchlein heißt ausdrücklich Schlafkunde, weil es Wissen vorstellt; es will keine Beratung oder gar Therapie bieten. Es versammelt 22 prägnante, einzeln lesbare Artikel über alle möglichen Fragen, die immer wieder rings um den Schlaf auftauchen. Die meisten haben Menschen in Klinik oder Universität irgendwann an ihn herangetragen. Er beschreibt wissenschaftlich, was beim Schlafen so im Gehirn passiert, aber er diskutiert auch strittige Themen wie die Frage, ob der Vollmond irgendeinen Einfluss auf den Schlaf hat (sein Schluss aus der Gesamt-Forschungslage heißt: definitiv keinen). Er befasst sich mit praktischen Dingen wie Schlaf und Reisen, Schlaf und Ernährung oder Schlaf und Sport.

Zulley ist Chronobiologe der ersten Stunde – er war Mitglied der Forschungscrew bei den weltberühmten Versuchen zur Inneren Uhr, die Jürgen Aschoff in den 1960er- und 70er-Jahren in einem unterirdischen Forschungslabor im Andechser Berg leitete. Auch darüber berichtet er. Außerdem nimmt er kompetent Stellung zu Fragen, wo sich Schlaf und Chronobiologie treffen: zum Mittagsschlaf – sinnvoll; zum Schulbeginn – da gibt es ein Forschungsdefizit; zur Sommerzeit – ohne jedes Wenn und Aber schädlich; zum Licht – schlichtweg unerlässlich; zu Jahres-, Wochen- und Tagesrhythmen allgemein – sie sind Teil unseres biologischen Erbes, deshalb geht es uns nur gut, wenn wir sie respektieren.

Die meisten Kapitel basieren Zulleys Kolumnen in der Patientenzeitschrift Schlafmagazin, andere sind für dieses Büchlein ergänzt. Die Texte, die sich so locker lesen, als hielte der Autor gerade einen Vortrag, spannen einen schönen Bogen vom Allgemeinen zum Besonderen. Wer immer sich einfach vergnüglich informieren will, ohne sich intensiv in die Fachliteratur zu vergraben, ist damit wunderbar bedient.

Sie können es direkt beim Verlag bestellen.

 

Alternative Fakten, Wikipedia und die Wissenschaft

Vorgestern kommentierten auf ZEIT-online 67 Diskutanten meinen ZON-Beitrag über die Frage, ob man nun vorschlafen kann oder nicht.* Als ich gestern dazukam, mir die Kommentare anzuschauen, hatte ich außerdem von einer 68. Person eine E-Mail dazu bekommen. Dieser Herr und zwei Kommentatoren wussten über eine Frage viel besser bescheid als ich. Diese Frage war für den Artikel nicht zentral, und deshalb musste ich erst einmal lachen. Dann habe ich überlegt, dass diese drei Kommentare auch zeigen, wie Leute hierzulande mit Wissenschaft umgehen. Deshalb habe ich nicht nur allen dreien geantwortet, sondern schreibe auch hier noch etwas dazu.

In Frage stand das „zirka“ bzw. „circa“ in dem chronobiologischen Begriff „zirkadian“, den Franz Halberg geprägt hat. Das bedeutet „ungefähr“, und es wurde gewählt, weil der 24-Stunden-Rhythmus zwar endogen ist, seine Periodenlänge aber normalerweise nur ungefähr, nicht exakt, 24 Stunden dauert. Das ist für unser Leben auf der Erde durchaus von Vorteil, doch das ist eine andere Geschichte. Dieses zirka kommt nicht nur in zirkadian vor, sondern auch in zirkannual, zirkalunar und zirkaseptan (siehe Zulley & Knab, 2015 oder auch Unsere Innere Uhrannus heißt Jahr, luna heißt Mond und septem heißt sieben).

Die drei meinten also (bzw. zwei davon, einer schrieb einfach nur verklausuliert dumme Kuh, keine Ahnung), „zirka“ komme vom lateinischen „circus“, was Kreis heißt, und beschreibe im Prinzip sowas wie den Tages“kreislauf“.

Das Dumme ist nur: Wie überzeugt die drei auch immer gewesen sein mögen – die Sachlage ist eine andere. Es handelt sich bei dieser Frage nicht um etwas, was wissenschaftlich irgendwie strittig wäre, es ging auch nicht um den Beitrag an sich; es ging „nur“ um Wissenschaftsgeschichte. Wieso war ihnen das so wichtig? Freundlicherweise hat einer der drei den Wikipedia-Eintrag zur Chronobiologie verlinkt. Und dort steht sie tatsächlich, diese eigentlich unbedeutende Behauptung, die aber trotzdem frei erfunden ist und somit fraglos zu dem gehört, was man neuerdings „alternative“ Fakten nennt. Es führt die Wikipedia-Leser nicht nur in die Irre, sie glauben es dann auch noch besser zu wissen als die Chronobiologen selbst.

Genau genommen kann man darüber zwar lachen, auch über die durchaus herablassende Diktion. In Wirklichkeit ist es eher tragisch. Die Leute interessieren sich für Wissenschaft und lesen Texte darüber. Trotzdem scheinen sie kritiklos zu glauben, was sie im Netz finden, jedenfalls solange es ihrem Weltbild nicht widerspricht. Genau darüber klagen Lehrer und Unidozenten ständig, teilweise ist Wikipedia als Quelle sogar verboten. Nützt nix.

Nach welchen Kriterien beurteilen Leser die Wikipedia-Texte? Ist Wikipedia ihre letzte Instanz? Blenden die Leute aus, dass es bei Wikipedia immer Fehler gibt? Obwohl das alle wissen? Oder sind es halt doch nur Trolle? Ich gebe zu, ich habe mich nicht angemeldet und diesen Eintrag geändert. – Kommentare gerne per e-Mail – info – at – barbara minus knab punkt de.

* Antwort in einem Satz: Man kann es eigentlich nicht. Manchmal sieht es zwar so aus, aber einiges spricht dafür, dass man dann in Wirklichkeit nachschläft. Nachschlafen funktioniert nämlich sehr wohl. Es hilft, wenn man einmal oder eine ganze Weile zu wenig geschlafen hat. Das erleben nicht nur Menschen mit Schlafstörungen, sondern viele, die von Lärm oder Stress geplagt und ständig geweckt werden, oder die aus beruflichen Gründen zu wenig schlafen (allen voran Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder eingeschlossen). Außerdem kommen all die zu wenig zum Schlafen, die gerne Nächte durchfeiern oder zeigen müssen, wie erwachsen sie schon sind.

Gefängnis: Abwechselnd schlafen?

Istanbul- eigentlich großartig

Istanbul- eigentlich großartig

Cover Can Dündar„Sie konnten nur abwechselnd schlafen“ – schon wieder stand das in der Süddeutschen über ein türkisches Gefängnis. Christiane Schlötzer erwähnte es in ihrer heutigen Besprechung von Can Dündars „Lebenslang für die Wahrheit“. Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Cumhüriyet, momentan im Exil, hat das Buch geschrieben, als er letztes Jahr 92 Tage im Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri eingesperrt war. Erst letzte Woche hatte Yavuz Baydar in der SZ die aktuelle Lage in der Türkei beklagt: „Das Gefängnis ist überfüllt. Die Inhaftierten müssen sich beim Schlafen abwechseln.“

Zu eng zum Schlafen?

„Abwechselnd schlafen“ müssen – da leidet man unmittelbar mit. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie überfüllt und eng es ist in der Gefängniszelle ist, schließlich muss dann weniger Platz sein als in einem Notzelt. Diese Enge kann alle möglichen Folgen haben, vor allem psychische. Gut ist keine davon.

Abwechselnd schlafen: da muss jeder zweite falsch schlafen

Doch es kommt noch etwas hinzu, wenn Menschen „abwechselnd“ schlafen müssen. Wer systematisch am Schlafen gehindert wird, erlebt Folter. Die alten Römer nannten das „tormentum vigiliae“. Und wer sich mit anderen beim Schlafen abwechseln muss? Das bedeutet, jeder zweite muss zu einer Zeit schlafen, wo der Organismus gar nicht darauf eingestellt ist, nämlich tagsüber. Da schläft man schlecht und langfristig macht es krank.

Warum „falsch“ schlafen krank macht

Normalerweise sind die zirkadianen biologischen Rhythmen gut aufeinander eingespielt. Und das müssen sie auch sein, damit wir gesund bleiben. Nimmt man einen heraus – etwa indem man nachts am Schlafen gehindert wird – kommen die Rhythmen leicht durcheinander. Für ein paar Tage kommt die innere Uhr damit zurecht – siehe Nachtarbeit. Dauert es länger, schadet es der Gesundheit. Erst geht es auf das Herz-Kreislauf-System, langfristig befördert es Krebserkrankungen.

Schlaf im Gefängnis

Freiheit und Kunst - gefunden in einem Opernhaus

Freiheit und Kunst – gefunden in einem Opernhaus

Klar, wer im Gefängnis sitzt, hat andere Sorgen als die eigene Gesundheit in fernerer Zukunft. Dennoch schädigt eine Inhaftierung dieser Art die Betroffenen nicht nur seelisch, sondern zumindest über die Schlafschiene auch körperlich. So wird ihnen sehr viel mehr entzogen als „nur“ die Freiheit. Dabei hat man im Gefängnis ohnehin mehr Probleme mit dem Schlafen als daheim, wie eine Überblicksarbeit aus England kürzlich nachwies.