Künstliche Beleuchtung – ausgeschaltet

Weltweit machen wir die Nacht zum Tag, und das hat vielerlei Folgen. Über eine der ersten habe ich in diesem Blog bereits geschrieben: über das, was vor allem Biologen und Astronomen den „Verlust der Nacht“ nennen und beklagen. In der Schlafforschung heißt unsere 24-Stunden-Beleuchtung „Light at night“, was zur gleichen Abkürzung führt wie local area network, nämlich LAN.

Den nachtaktiven Tieren schadet LAN unmittelbar. Uns Menschen, die wir tagaktiv sind, schadet es eher über Umwege. Einer davon: Die nächtliche Helligkeit kann unsere inneren Uhren stören, einerseits deren Taktlänge, andererseits ihre feine gegenseitige Abstimmung. In der Folge leidet häufig der Schlaf, übrigens auch, wenn das Schlafzimmer verdunkelt ist.

Februar 2014: Eröffnung des ersten Sternenparks in Deutschland

Die nächtliche Dauerausleuchtung der Welt behindert auch, was vielleicht nur Astronomen, hoffnungslosen Naturfreaks oder Nostalgikern auffällt: An den meisten Orten können wir Normalmenschen kaum noch Sterne sehen. Selbst Teleskope helfen oft nicht weiter, so dass selbst Astronomen Probleme haben – außenherum strahlt einfach alles zu hell. Wer mehr Sterne oder sogar mal die ganze Milchstraße mit bloßem Auge sehen möchte, schafft das höchstens noch in einem der 24 sogenannten Sternenparks weltweit.

Vor ungefähr vier Wochen wurde der erste in Deutschland eröffnet: der Sternenpark im brandenburgischen Naturpark Havelland. Die Gemeinden dort mussten sich auf strenge Beleuchtungsvorschriften verpflichten – genauer: darauf, wenig zu beleuchten. Auch bei uns in Bayern gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich für die Ausweisung eines Sternenparks engagiert, nämlich in der Rhön.

Licht aus für eine Stunde – die „Earth Hour“ am 29. 3. 2014

Man kann unsere Beleuchtungsobsession auch von der Energieseite her betrachten. Immerhin verursacht die Straßen- und Gebäudebeleuchtung etwa ein Drittel der Stromkosten einer Stadt. Es würde zum Energiesparen beitragen und damit letztlich zum Klimaschutz, wenn die öffentliche Beleuchtung weniger Strom verbrauchen würde. Dafür muss man ist nicht einmal an der Sicherheit kratzen: Das belegen die Beleuchtungs-Fachleute in dem Buch des Bundesamts für Naturschutz „Schutz der Nacht„.

Es gibt viele Möglichkeiten, intelligenter zu beleuchten und damit Energie zu sparen und das Klima zu schützen. Auf einige möchten die teilnehmenden Städte des jährlichen „Earth Day“ hinweisen. Sie machen das erst einmal so massiv, dass man es merkt: am 29. März 2014 schalten sie zwischen 20.30 und 21.30 Uhr die Beleuchtung einiger ihrer Baudenkmäler gleich ganz aus. Keine Sorge: die Leitungen krachen dabei nicht zusammen, wie es manche kenntnisarmen Besserwisser im letzten Jahr die Aktion im Netz befürchtet haben.

Die Earth Hour 2014 in Kempten

Meistens gibt es in dieser Stunde einschlägige Events, in denen es neben dem Vergnügen um Nachhaltigkeit geht. So auch bei der Earth Hour 2014 in Kempten. Die Stadt veranstaltet ab dem Abend des 29. März verschiedene Aktionen. Dann wird in der Stunde zwischen 20.30 und 21.30 Uhr selektiv die elektrische Beleuchtung rund um den St.-Mang-Platz abgeschaltet. In dieser Stunde gibt es Programm der St.-Mang-Kirche. Unter anderem halte ich einen Vortrag über die Frage, was es mit Nachhaltigkeit zu tun hat, wenn wir Menschen (unsere) Biologischen Rhythmen erkennen und respektieren. Ohne Beamer und bei Kerzenschein. Aber vergnüglich.

Die schlaflose Gesellschaft

„Die Schlaflose Gesellschaft“ heißt Michael Heuers neuester 45-Minuten-Film, den der Norddeutsche Rundfunk erfreulicherweise letzte Woche sendete. Er begleitet mehrere Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, teilweise seit Jahren. Alle beschreiben den Stress, der sie nachts wachhält und so ihre Erholung verhindert. Der Stress kommt oder kam vom Arbeitsplatz und reicht von psychischem Druck bis zur Schichtarbeit.

 Schichtarbeit und Schlafstörungen

Tatsächlich führt gerade Schichtarbeit extrem häufig zu Schlafstörungen, vor allem dann, wenn sie auch Nachtschichten enthält. Der Mensch ist nun mal nicht gemacht für Nachtarbeit. Viele kommen richtig schlecht damit klar, einige besser – aber vorbeugen kann man in jedem Fall. So hilft es, wenn man die Nachtarbeit sehr gut vorbereitet und begleitet, und es hilft, wenn das Schichtsystem an die Innere Uhr der Betroffenen angepasst wird.

An der Inneren Uhr schrauben lässt sich jedenfalls kaum. Sie ist verantwortlich, dass so viele Leute die Nachtarbeit nicht gut vertragen. Deshalb sollten Menschen nur dann nachts arbeiten, wenn es wirklich unumgänglich ist. Das ist bei uns ziemlich anders. In einigen Punkten sind wir alle beteiligt: Je mehr 24-Stunden-Service wir als Gesellschaft erwarten und in Anspruch nehmen, umso mehr Menschen „müssen“ nachts arbeiten, um diesen Service zu bieten. Schlafstörungen bei vielen inbegriffen.

Zwei Formen der „Schlaflosigkeit“

Diese 24-Stunden-„Normalität“ ist ein besonderer Aspekt der „schlaflosen Gesellschaft“, und er wäre einen weiteren Film wert. Heute halten es viele für cool, nachts hochaktiv zu sein und insgesamt so wenig wie möglich zu schlafen. Darauf weist in Heuers Film der Arzneimittelforscher Gerd Glaeske hin, und er benennt die Folgen: Es verleitet die Leute zur Chemie. Wollen sie wach sein, schlucken sie Muntermacher, wollen sie schlafen, greifen sie zu Schlafmitteln. Andere sind aus Schlafmangel einfach ständig müde. Dazu habe ich in diesem Blog schon geschrieben.

Kann man Schlafstörungen loswerden?

Ob Schlafstörungen oder absichtlicher Schlafmangel, die Folgen sind gleich: die Leute sind müde. Die Menschen mit Schlafstörungen ordnen das korrekt zu: sie würden gerne mehr schlafen. Kollege Weeß aus Klingenmünster erklärt, dass sie das schaffen könnten. Ein wichtiger Schritt ist, dass sie anders darüber denken. Es beginnt damit, dass sie Ruhe und Entspannung als Bestandteil des Tages erleben. Gelingen wird das nicht auf Knopfdruck oder Befehl, es verlangt systematisches Training. Die Kommentare auf der ndr-Seite allerdings illustrieren: Immer noch sind Menschen mit Schlafstörungen völlig desillusioniert. Mehr dazu demnächst.

Der Film

Michael Heuer hat einen sehr eindringlichen Film gedreht. Er zeigt darin, was Schlafstörungen anrichten. Und er zeigt Punkte, an denen man gegensteuern könnte. Manchmal hilft nur noch, den Job zu wechseln. Im Film schult der Ex-Banker auf Erzieher um. Vielleicht steckt er ein paar Ex-Kollegen an?

Neu erschienen: Schutz der Nacht – Buch zum Thema Lichtverschmutzung

Es ist Sommer momentan. Richtig Sommer. Also richtig heiß. Wenn wir da gut schlafen wollen, müssen wir nachts die Kühle der Nacht hereinlassen. Doch durchs geöffnete Fenster kommen auch Lärm und Licht. Und die sind dem Schlaf ausgesprochen abträglich. Immer.
24-Stunden-BeleuchtungSchutz der Nacht
Wir beleuchten unsere Städte und unsere Häuser 24 Stunden am Tag, manche Leute sogar ihren Garten. Das gilt als modern, zeitgemäß, schick – und sicher. Man kann es aus dem Weltraum sehen: Die nächtliche Beleuchtung zeichnet die Topographie fast der ganzen Erde nach. Man kann das leicht als „helle Not“ erleben; in Tirol nennen sie es sogar so.
Beleuchtung in der Nacht hat viele Folgen
Die durchgehende Beleuchtung mag zeitgemäß sein. Doch wie alles hat sie ihre Kehrseiten. Die beeinflussen nicht nur uns Menschen, sondern die gesamte Natur. Es beginnt damit, dass wir im weiten Umkreis von Städten nur noch die allerhellsten Sterne sehen können, weil die vielen elektrischen Lichtquellen alle schwächeren Sterne überstrahlen (wichtiges wissenschaftliches Buch „Das Ende der Nacht„). Daher der Name „Lichtverschmutzung“. Und es endet nicht bei den Insekten, die von den Lichtquellen angezogen werden und dort zu Millionen sterben. Es gibt auch technische Lösungen: so hell beleuchten, wie sicherheitsmäßig sinnvoll, aber dunkel genug, dass Zugvögel ein Hochhaus nicht mit „ihrem“ Sternbild verwechseln, dass wandernde Fische ihre Routen nicht verpassen, dass Fledermäuse Insekten verspeisen können, dass nachtaktive Tiere jagen und dass tagaktive Tiere schlafen können.
Erstes allgemeinverständliches Buch zur Lichtverschmutzung
Zu vielen Aspekten des Themas Lichtverschmutzung ist gerade beim Bundesamt für Naturschutz das erste allgemeinverständliche Buch erschienen. Der neue Sammelband basiert auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing. Mein eigener Beitrag darin heißt: „Lichtverschmutzung und die Folgen für die menschliche Gesundheit“; er ist eng abgestimmt mit dem Beitrag „Licht stellt unsere innere Uhr. Zeitgeber und die Grundlagen der Chronobiologie“ von Dr. Vivien Bromundt aus der Basler Chronobiologie-Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Christian Cajochen. Herausgegeben haben den Band Dr. Martin Held vom Tutzinger Projekt Ökologie der Zeit, PD Dr. Franz Hölker vom Forschungsverband „Verlust der Nacht“ und Prof. Dr. Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz.

Sie können den ganzen Band hier kostenlos herunterladen.

Nächste wissenschaftliche Tagung zum Thema: 28. bis 30. Oktober 2013 in Berlin

Die „Entkriminalisierung“ des Schlafs

Neu ist es nicht, dass Schlaf als Zeitverschwendung betrachtet wird, als überflüssig oder einfach lasziv. Seit Jahrhunderten versprechen sich Menschen, religiös oder spirituell weiterzukommen, wenn sie weniger schlafen. Seit jedoch Calvin und andere Protestanten der strengeren Provenienz in Mittel- und Nordeuropa an Einfluss gewannen, begann man, den Schlaf generell zu verachten. Max Weber weist darauf hin. In seiner 1912 erschienenen Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ arbeitet er heraus, dass dieser Ethik gemäß ein gottgefälliges Leben mit Arbeit gefüllt ist, was sich im finanziellen Erfolg widerspiegelt. Mit dabei: wenig Schlaf. Max Weber zitiert Richard Baxter, einen Puritaner aus dem 17. Jahrhundert, der schreibt: „Zeitverlust durch Geselligkeit, »faules Gerede«, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich.“

Mit der „Sittlichkeit“ haben wir es heute nicht mehr so. Und dennoch gilt viel Schlaf als unmoralisch, ja bereits Baxters „sechs bis acht Stunden“ sprechen vielen schon für zweifelhafte Leistungsbereitschaft. Sie bewundern Leute, die wenig schlafen, gerne auch selbst – einige Einträge in diesem Blog befassen sich bereits damit.

Olaf Tscharnezki hat diese Negativhaltung wunderbar auf den Begriff gebracht: „Kriminalisierung des Schlafs“. Tscharnezki ist kein Spinner und kein Mitglied der Müßiggänger-Fraktion. Er ist Betriebsarzt, und zwar bei Unilever. Dort betreibt er, wie er in einem Interview für die „Initiative neue Qualität der Arbeit“ erklärt, die „Entkriminalisierung von Schlaf“. Konkret: Er hat in der Hamburger Zentrale eine „Ruheoase“ eingerichtet. Dort „dürfen“ sich Mitarbeiter erholen und sogar ein kleines Tagschläfchen halten, ohne gleich schief angeschaut zu werden. Tscharnezki konnte das durchsetzen, weil die Leute vor wenigen Jahren massiv vom Stress geplagt waren – 60 Prozent, fast zwei von drei Mitarbeitenden, klagten damals über schlechten Schlaf.

Nun können Schlafstörungen vielerlei Gründe haben. Doch sehr oft haben sie tatsächlich mit Stress am Arbeitsplatz zu tun. Der steigt, wenn die Leute über den Tag von ihrem Anspannungspegel nicht herunterkommen, und er steigt noch mehr, wenn sie abends an ihren Schreibtischen festkleben. Wer so arbeitet, kann abends nur schwer abschalten. Doch ausgerechnet Abschalten ist unerlässlich, um gut zu schlafen. Schlafen heißt, dass der Kopf „herunterfährt“. Das tut er nicht auf Befehl und schon gar nicht schnell. Dafür braucht er Zeit, und, wenn man so will, Übung: das sind die Pausen während des Tages. Möglicherweise in der Ruheoase.