Winterschlaf – Kış Uykusu (Kinofilm, Türkei 2014)

Zum Film des türkischen Star-Regisseurs Nuri Bilge Ceylan über Menschen in Kappadokien

München: Die Isar in der Neujahrssonne 2015Dick verschneit war München an Neujahr und kalt. Als dann der Himmel völlig aufzog, konnten unsere Isarauen den Bergen Paroli bieten. Strahlende Sonne, tiefblauer Himmel und Schneelandschaft: Das lieferte noch durch die Sonnenbrille eine satte Dosis Lichttherapie, das Mittel gegen Winterdepression und Schlafstörungen, die mit dem zirkadianen Rhythmus zu tun haben.

München und Kappadokien

Es begann am 26. Dezember. Mehr als zehn Zentimeter Neuschnee fielen allein während der gut drei Stunden am späten Nachmittag, die Ceylans Film Kış UykusuWinterschlaf dauert. Münchens legendär souveräner Winterdienst kam erstmal nicht nach, die Gehsteige waren noch ungespurt.

Als wir am frühen Abend aus dem Kino kamen, fühlte es sich einige Sekunden an, als seien wir jetzt live im Film gelandet – mit jedem Schritt sank man im Schnee ein oder rutschte darauf aus.

Was in München eine Sache von Stunden ist, dauert im zentralanatolischen Kappadokien einen langen Winter. Der beginnt in diesem Film gerade, sich übers Land zu legen. Am Schluss ist die weite Berglandschaft dort genauso verschneit wie hier. Nur das Wetter ist anders als hier an Neujahr: Dort verdunkelt eine dichte Wolkendecke das Leben der wenigen Menschen. In dieser endlos-trüben Schnee-Landschaft ist ein SUV keine Waffe wie hier, sondern das einzige Auto, das die Pisten bewältigt. Der Zug ist ohnehin verspätet, die Gleise am Bahnhof verschneit und leer.

Winterschlaf – der Goldene-Palme-Film 2014

Winterschlaf - von Nuri Bilge CeylanIn dieses Kappadokien, wo gerade der Winter einbricht, setzt Nuri Bilge Ceylan seine Figuren: Im Mittelpunkt ein älteres Geschwisterpaar und die Gattin des Bruders – die seine Tochter sein könnte, wie die Schwester einmal ätzend anmerkt.

Alle drei sind aus dem weltläufig-internationalen Istanbul ins abgelegen-traditionelle Kappadokien gezogen, wo sie vorgeben, das familieneigene Höhlen-Hotel Olympia zu betreiben. Was tatsächlich die Angestellten tun, jedenfalls, bis der Schnee kommt. Der Bruder Aydın (Haluk Bilginer) war früher Schauspieler und versucht sich jetzt als Autor. Die Schwester Necla (Demet Akbag) ist gerade geschieden und langweilt sich. Die wunderschöne junge Ehefrau Nihal (Melisa Sözen) ist auf der Suche nach Sinn: mit einem Verein Einheimischer möchte sie die Schulen der Gegend instandsetzen.

Alle drei stoßen auf unterschiedliche Weisen mit den Ortsansässigen zusammen. Aydın und Necla sind zwar hier aufgewachsen. Doch nicht nur das Istanbul im Kopf trennt sie zuverlässig vom Rest dieser Welt, sondern auch die feudalistische Sozialstruktur: Aydın und Necla sind die Großgrundbesitzer. Nihal angeheiratet genauso. Ob er oder sie – man hat Geld und zeigt es auch, ärgert sich über rückständige Angestellte, kann Shakespeare rezitieren, säuft mit Gleichgesinnten bis zum Erbrechen, schickt Gerichtsvollzieher in arme Dorffamilien, zieht in kunstvollen Texten über den trampeligen Imam her usw. Die Verachtung für „die da unten“ verhindert jede echte Begegnung. Mit „denen“, doch auch untereinander.

Winterschlaf – Menschen in Erstarrung

Das Leben der einfachen Leute in Ceylans Film Winterschlaf ist trostlos und von unausweichlicher Armut geprägt. Damit gehen sie unterschiedlich um. Ein Ziel hat einzig der 10-jährige Bub: Der hängt sich in der Schule rein, um Polizist zu werden. Sein Vater dagegen, gerade aus dem Knast entlassen, pflegt seinen chancenlosen Macho-Stolz. Dessen Bruder, der Dorf-Imam, winselt sinnlos um Gnade in Sachen Mietrückstand. Die Oma greint nach ihrem gepfändeten Fernseher. Der Fahrer tritt nach „unten“.

Im Gegensatz zu ihnen haben es die Feudalen warm, sie tragen frische Kleidung, nutzen Auto und Computer, kaufen sich schon mal ein wildes Pferd oder „spenden“ sinnlos viel Geld. Welches wohl vorwiegend aus Miet- und Pachtzahlungen der Dorfbewohner stammt. Glücklich sind auch sie nicht. Sie verbringen ihre Tage gelangweilt, zufällig, mit Luxustätigkeiten und Luxusdisputen.

Tatsächlich laufen sie genau wie alle anderen auf Sparflamme, mit Minimalernergie; gerade so, dass sie nicht tot umfallen. Genau das kennzeichnet Tiere im Winterschlaf. Die fressen nicht, wenn sie sich in der warmen Erde einigeln. Dafür fahren sie Körpertemperatur und Stoffwechsel nach unten, bis knapp vor dem Tod.

Pups-1_Ausschnitt_GiroudWinterschlaf ist gerade kein Schlaf – die Tiere unterbrechen ihn sogar zwischendurch. Was tun sie während dieser Pausen? Nein, nicht fressen. Sie schlafen. Also: richtig schlafen (nebenan: Gartenschläfer-Junge beim Winterschlaf).

Auch Nihal möchte richtig schlafen. „Ich bin so müde“, sagt sie, und wirft Aydın aus dem Zimmer.

Warum „Winterschlaf“ ein genialer Titel für diesen Film ist

Die Goldene Palme von Cannes 2014 ist ein verdienter Preis für diesen Film. Schon der Titel ist genial, auf Türkisch wie auf Deutsch. Auf Englisch längst nicht so. Wintersleep bedeutet lediglich Schlaf im Winter. Normaler Schlaf, nicht Winterschlaf (der hieße hibernation).

Winterschlaf ist ein energetischer Minimalzustand, den Menschen eigentlich nicht einnehmen können. Außer vielleicht psychisch, und nur in sehr unwirtlichen Gegenden mit einer sehr unwirtlichen Sozialstruktur. Wie in Ceylans genialem Film.

Lichtverschmutzung – Thema für den Biologieunterricht

Angeblich sind Lehrer ja wahlweise faul oder inkompetent, man kann das ständig überall lesen. Das ist glücklicherweise Unsinn.

PdN-Okt_2014_CoverTatsächlich überlegen sich viele sehr viel für ihre Schülerinnen und Schüler, jeweils einzeln, aber eben auch für ganze Klassen. Es ist nun mal nicht so, wie es kürzlich eine Seminarlehrerin auf den Punkt brachte, dass es sich diese Gesellschaft leistet, jedem Kind und allen Jugendlichen Privatlehrer zur Seite zu stellen. Statt dessen müssen sich die Lehrkräfte überlegen, wie sie locker mal 30 völlig verschiedenen jungen Persönlichkeiten etwas nahebringen können, was sie selbst superspannend finden, diese aber nicht unbedingt, jedenfalls nicht von selbst.

Praxis der Naturwissenschaften (PdN) – Biologie in der Schule: Oktoberheft 2014

Dr. Ole Müller aus Brandenburg ist einer der vielen engagierten. Er hat das letzte Heft der Zeitschrift „PdN – Biologie in der Schule“ herausgegeben. Thema: Lichtverschmutzung. Letztes Jahr war ja die Publikation des Bundesamts für Naturschutz zum Thema herausgekommen, die ich hier schon vorgestellt habe. Herr Müller hat sich total reingehängt, mit möglichen Autoren telefoniert, x-Mal gemailt, sich um Bilder gekümmert, die Texte genau gelesen und Rückmeldungen gegeben. Alles ehrenamtlich. Damit die Kolleginnen und Kollegen besseren Unterricht machen.

Woher ich das weiß? Weil ein Beitrag von mir ist.  Das Inhaltsverzeichnis finden Sie sofort auf der Webseite des Verlages.

Mein Beitrag in PdN-Biologie in der Schule: Jugendliche und Lichtverschmutzung

In meinem eigenen Artikel habe ich die wichtigste Literatur über die Auswirkungen unserer Lichtverschmutzung auf das chronobiologische System von Jugendlichen aufbereitet. Das steht ungefähr drin:

Kapitel 1: Zirkadiane Rhythmen, Licht und Lichtverschmutzung (Biologische Rhythmen und Zeitgeber).
Kapitel 2: Chronotypen und sozialer Jetlag (Morgen- und Abendtypen; Chronotyp, Adoleszenz und Lichtverschmutzung).
Kapitel 3: Jugendliche – Schlaf, Licht und Schulleistungen (Schlaf und jugendliche Chronotypen; Schlaf und Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen; Schlaf, Licht und Schulleistung).

Ein Ausflug in die Geographie

Außerdem gibt es einen Kasten zu dem Thema, was bei sämtlichen Diskussionen zum Thema Schlafengehen und Aufstehen gerne außer acht gelassen wird: Wie Sonnenlicht und Zeitmessung zusammenhängen. Das ist mir als gelernter Geographin ziemlich wichtig. Zum Beispiel: Dass man in Westspanien den Tag – nach Uhrzeit – erheblich später anfängen lässt. Nach Sonnenstand und Sonnenzeit ist es aber nicht anders als bei uns, weil in Westspanien wie hier die Mitteleuropäische Zeit gilt – die Sonnenzeit von Görlitz.

Teile aus dem Beitrag poste ich später mal. Momentan kann ich nur empfehlen, das ganze Heft beim Verlag zu bestellen. Die Beiträge sind nämlich allesamt ausgesprochen spannend.

Aigner und Sommerzeit zum Zweiten

Heute also Teil 2 zur Sommerzeit, unerwarteterweise mit einer aktuellen Info.

Ilse Aigner, Chefin der oberbayerischen CSU und Wirtschaftsministerin bei uns in Bayern, warb Ende März dafür, die Zeit nicht mehr umzustellen. Also immer MEZ: Ein chronobiologisch sehr guter Vorschlag!

Eigentlich. Heute hat Aigner präzisiert: Sie will keineswegs ganzjährig die mitteleuropäische Zeit beibehalten. Sie will ganzjährig Sommerzeit! Da kann man nur fragen: Was versteht Frau Aigner eigentlich von Geographie? Und warum nimmt sie sich ausgerechnet Putin zum Vorbild? Russland lebt seit einigen Jahren nur noch in der Sommerzeit – und die Leute mögen es definitiv nicht.

MESZ und die Sonne

Astronomisch entspricht die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) nur an der östlichsten Grenze Deutschlands dem Sonnenstand. Überall sonst ist es astronomisch früher als MEZ.

Die MESZ (Sommerzeit) katapultiert uns eine weitere Stunde vorwärts: Ab sofort bis Ende Oktober ist es um 12 Uhr sogar in Görlitz astronomisch erst 11 Uhr, die Sonne steht erst um 13 Uhr am höchsten. Hier in München ist es nach Sonnenstand erst um viertel nach eins Mittag usw. – jeweils 3,75 Grad machen eine Viertelstunde aus. Die Süddeutsche hat es zeichnen lassen: in Westspanien steht die Sonne während der Sommerzeit erst um 14.40 Uhr im Zenit.

Eigentlich soll die Sommerzeit Energie sparen, aber das tut sie nachweislich nicht, im Gegenteil. Sie kostet, weil man morgens friert – und deshalb heizt.

Zeitgeber und die Umstellung auf die Sommerzeit

Biologisch und psychisch unangenehm an Normal-versus-Sommerzeit ist aber vor allem die Umstellung. Jede Umstellung. Sie stört nämlich einige Zeit den Schlaf. Deshalb geschehen in der Woche danach die zusätzlichen Unfälle.

Die Störung liegt daran, dass wir Menschen die Sonne als Zeitgeber brauchen. Sie taktet unsere innere Uhr auf 24 Stunden. Dafür nutzt unsere innere Uhr den MEZ-Sonnenstand, bis zum letzten Samstag im März. Das ändert sich nicht, nur weil die Uhren plötzlich anders laufen. Bis 29. März war das gesamte Timing unseres Organismus an den MEZ-Sonnenstand gekoppelt – Schlaf-Wach-Rhythmus, Körpertemperatur, Hormone, Verdauung, Immunsystem usw. Dieses Timing ändert sich, aber nur allmählich. Das passierte auch Seehofer: angeblich verschlief (!) er einen Merkel-Telefontermin am 31.3. morgens.

Am angenehmsten wäre es, wenn die Sonne unsere inneren Uhren 365 Tage ungefähr gleich takten würde. Das kann sie aber bei uns nicht, dafür leben wir zu weit nördlich. Hier ändern sich die Tageslängen zu stark, je nördlicher, umso mehr. Deshalb können wir froh sein, wenn wir eines regelmäßig bekommen: Sonnenlicht am Morgen. Und das schaffen wir am besten mit der MEZ, der einigermaßen richtigen Sonnenzeit.

Aigners Untesrchriftenliste: Sommerzeit auf ewig?

Ganzjährig MEZ heißt: Die Sonne erleichtert es uns, im Sommer einfach früher aufzustehen. Mehr passiert nicht.

Ganzjährig Sommerzeit (MESZ) bedeutet etwas ganz anderes. Damit würde es im Winter selbst in München erst um halb neun hell, weiter westlich – und weiter nördlich – noch später. Das aber beeinträchtigt die biologischen Rhythmen sehr vieler Menschen: Sie schlafen schlechter, und nahezu alle müssen zu absolut nachtschlafender Zeit aufstehen. Selbst für einen 9-Uhr-Büro-Job, erst recht für die Schule um 8 Uhr – von Frühschichten ganz zu schweigen.

In Nordeuropa, wo es im Hochwinter erst am späteren Vormittag hell wird, benutzen die Leute verstärkt Tageslicht-Lampen am Morgen, um einigermaßen aufzuwachen. Wäre ganzjährig Sommerzeit, bräuchten wir das im Winter auch hier, mit der MEZ nicht. Schon deshalb kann man die Dauersommerzeit nur als biologisch völlig unsinnig bezeichnen. Aber vielleicht will Frau Aigner einfach die einschlägige Industrie fördern? Wirtschaftsministerin ist sie ja.

Wieder mal Sommerzeit

Seit Sonntag ist Sommerzeit – da scheiden sich die Geister: Viele mögen den langen Abend, niemand den kalten Morgen und einige sind gar nicht erfreut, dass sie jetzt wieder eine Zeitlang in der Dunkelheit aufstehen müssen.

Was ist natürlich an der Uhrzeit?

Wann ist Mittag? Um 12 Uhr? Um 13 Uhr? Wenn wir Hunger haben? Überhaupt nicht? Wäre vielleicht keine schlechte PISA-Frage. Man könnte auch morgens anfangen: Wann sollte die Schule beginnen? Oder das Büro? Schichtarbeit? – nein, das ist nochmal etwas anderes. Über die Forderung, die Schule möge doch bitteschön erst um neun beginnen (ein Beitrag dazu ist hier), habe ich schon ein paarmal etwas geschrieben. Durchaus gebildete Personen begründen diese Forderung allen Ernstes damit, dass doch in Frankreich oder gar Spanien auch alles um neun Uhr beginnt. Werch ein Illtum, um es mit Ernst Jandl zu sagen – da vergleicht man Äpfel mit Birnen.

Sommerzeit – unbeliebt und schädlich

Der Irrtum ist, dass das Spanien-Argument uns als (chrono)-biologische Wesen ignoriert – und die Sommerzeit tut das auch. Schon die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) ist nicht identisch mit unserer biologischen Zeit. Die Sommerzeit (MESZ) ist es erst recht nicht. Die Umstellung als solche ist für nahezu alle unangenehm. Aber sie ist auch schädlich, und das lässt sich wissenschaftlich gut belegen (ein schönes Review finden Sie hier): Die Umstellung „fragmentiert“ den Schlaf, das heißt, die Leute wachen öfter auf und bleiben dann länger wach. Das verkürzt den Schlaf insgesamt, was uns weder körperlich noch geistig-seelisch gut bekommt. Einige Studien belegen sogar, dass in der Woche nach der Umstellung auch die Verkehrsunfälle zunehmen, aber diese Befunde sind nicht ganz konsistent.

Dass die erste Sommerzeit-Nacht um eine Stunde kürzer ist, setzt besonders den Abendtypen zu, sie werden in der Folgewoche nicht rechtzeitig müde und sammeln so ein Schlafdefizit an. Selbst die Bildzeitung schimpft inzwischen gegen die Sommerzeit. Angeblich sind 70 Prozent der Bevölkerung dagegen; das wäre eine beachtliche Zweidrittelmehrheit.

Erde, Längengrade und Uhrzeiten

Nun funktioniert das eng verknüpfte Leben unserer Welt nur mit verbindlichen Uhrzeiten. Die haben wir ungefähr so lange wie die Eisenbahn, die ja Fahrpläne benötigt, die auch über größere Entfernungen zusammenpassen. Aber die Uhrzeiten beziehen sich nicht auf uns, sondern auf die Erde selbst: Bezugsgröße sind die Längengrade der Erde. Schulstoff Geographie.

Die MEZ ist die astronomische Zeit des 15. Längengrads Ost: Der astronomische Mittag – 12 Uhr – ist der Zeitpunkt, zu dem die Sonne dort am höchsten steht. Der Rest der 24 Stunden wird dann berechnet. Wenn die MEZ-Uhr 12 Uhr anzeigt, ist es weiter westlich noch nicht 12 Uhr, weiter östlich schon später. 3,75 Grad entsprechen einer Viertelstunde.

Der Längengrad 15°Ost läuft aber nicht durch Paris (~2° Ost), schon gar nicht durch Madrid (~3° West(!)), ja nicht einmal durch Berlin (13°Ost). Sondern durch Görlitz an der Neiße (15°). Astronomisch ist es zwar in Wien (~16° Ost) schon kurz nach 12 Uhr, wenn die Uhr 12 zeigt – in Deutschland noch fast nirgends. Auf welchem Längengrad Ihre eigene Stadt liegt, können Sie hier herausfinden.

Köln und Aachen jedenfalls (beide um die 6°Ost) wären astronomisch sogar mit der westeuropäischen (Greenwich)-Zeit korrekter bedient, von Madrid und Paris gar nicht zu reden. Aus ökonomischen Gründen haben wir trotzdem alle dieselbe Zeit. In Westeuropa ist man aber schlau genug, sich im Alltag trotzdem auch nach der Sonne zu richten – und erst um neun Uhr MEZ in den Tag zu starten.

Den zweiten Teil zur Sommerzeit gibt es demnächst.

Künstliche Beleuchtung – ausgeschaltet

Weltweit machen wir die Nacht zum Tag, und das hat vielerlei Folgen. Über eine der ersten habe ich in diesem Blog bereits geschrieben: über das, was vor allem Biologen und Astronomen den „Verlust der Nacht“ nennen und beklagen. In der Schlafforschung heißt unsere 24-Stunden-Beleuchtung „Light at night“, was zur gleichen Abkürzung führt wie local area network, nämlich LAN.

Den nachtaktiven Tieren schadet LAN unmittelbar. Uns Menschen, die wir tagaktiv sind, schadet es eher über Umwege. Einer davon: Die nächtliche Helligkeit kann unsere inneren Uhren stören, einerseits deren Taktlänge, andererseits ihre feine gegenseitige Abstimmung. In der Folge leidet häufig der Schlaf, übrigens auch, wenn das Schlafzimmer verdunkelt ist.

Februar 2014: Eröffnung des ersten Sternenparks in Deutschland

Die nächtliche Dauerausleuchtung der Welt behindert auch, was vielleicht nur Astronomen, hoffnungslosen Naturfreaks oder Nostalgikern auffällt: An den meisten Orten können wir Normalmenschen kaum noch Sterne sehen. Selbst Teleskope helfen oft nicht weiter, so dass selbst Astronomen Probleme haben – außenherum strahlt einfach alles zu hell. Wer mehr Sterne oder sogar mal die ganze Milchstraße mit bloßem Auge sehen möchte, schafft das höchstens noch in einem der 24 sogenannten Sternenparks weltweit.

Vor ungefähr vier Wochen wurde der erste in Deutschland eröffnet: der Sternenpark im brandenburgischen Naturpark Havelland. Die Gemeinden dort mussten sich auf strenge Beleuchtungsvorschriften verpflichten – genauer: darauf, wenig zu beleuchten. Auch bei uns in Bayern gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich für die Ausweisung eines Sternenparks engagiert, nämlich in der Rhön.

Licht aus für eine Stunde – die „Earth Hour“ am 29. 3. 2014

Man kann unsere Beleuchtungsobsession auch von der Energieseite her betrachten. Immerhin verursacht die Straßen- und Gebäudebeleuchtung etwa ein Drittel der Stromkosten einer Stadt. Es würde zum Energiesparen beitragen und damit letztlich zum Klimaschutz, wenn die öffentliche Beleuchtung weniger Strom verbrauchen würde. Dafür muss man ist nicht einmal an der Sicherheit kratzen: Das belegen die Beleuchtungs-Fachleute in dem Buch des Bundesamts für Naturschutz „Schutz der Nacht„.

Es gibt viele Möglichkeiten, intelligenter zu beleuchten und damit Energie zu sparen und das Klima zu schützen. Auf einige möchten die teilnehmenden Städte des jährlichen „Earth Day“ hinweisen. Sie machen das erst einmal so massiv, dass man es merkt: am 29. März 2014 schalten sie zwischen 20.30 und 21.30 Uhr die Beleuchtung einiger ihrer Baudenkmäler gleich ganz aus. Keine Sorge: die Leitungen krachen dabei nicht zusammen, wie es manche kenntnisarmen Besserwisser im letzten Jahr die Aktion im Netz befürchtet haben.

Die Earth Hour 2014 in Kempten

Meistens gibt es in dieser Stunde einschlägige Events, in denen es neben dem Vergnügen um Nachhaltigkeit geht. So auch bei der Earth Hour 2014 in Kempten. Die Stadt veranstaltet ab dem Abend des 29. März verschiedene Aktionen. Dann wird in der Stunde zwischen 20.30 und 21.30 Uhr selektiv die elektrische Beleuchtung rund um den St.-Mang-Platz abgeschaltet. In dieser Stunde gibt es Programm der St.-Mang-Kirche. Unter anderem halte ich einen Vortrag über die Frage, was es mit Nachhaltigkeit zu tun hat, wenn wir Menschen (unsere) Biologischen Rhythmen erkennen und respektieren. Ohne Beamer und bei Kerzenschein. Aber vergnüglich.