Smartphone, Autofahren, Züge beaufsichtigen

Im Februar 2016 stießen auf der einspurigen Bahnstrecke bei Bad Aibling zwei Meridian-Regionalzüge zusammen, es gab (inzwischen) zwölf Tote und dutzende Verletzte. Letzte Woche wurde ein neues Detail bekannt: Der Fahrdienstleiter soll neben seiner Aufsichtstätigkeit noch auf seinem Mobiltelefon gespielt haben. Im BR-Bericht heißt es: „Fahrdienstleiter bestreitet Ablenkung durch Handy-Spiel“. 20 Leute kommentierten die BR-Meldung. Nur die Hälfte macht sich Gedanken über die Handy-Nutzung, der Rest diskutiert vor allem Technik. Bei der Süddeutschen Zeitung geht es sogar fast nur um Eisenbahntechnik.

Leistung und Mobiltelefon

Mittagessen mit Smartphone

Mittagessen mit Smartphone

 

Dabei war es hier eine Frage auf Leben und Tod: Ändert sich die Leistung bei einer Tätigkeit, wenn ich nebenbei ein Mobiltelefon bzw. einen privaten Computer benutze?

Die Antwort heißt leider ja. Und zwar immer zum Schlechteren. Genau deshalb ist es im Straßenverkehr grundsätzlich verboten, eine SMS zu lesen oder zu schreiben oder ohne Freisprechanlage zu telefonieren. Trotzdem sieht man ständig Autofahrer mit dem Telefon am Ohr oder in der Hand. Zu Fuß in München ist es auch nicht anders: Ich habe schon öfter jemand angeredet, damit er oder sie mir nicht wegen Display-Starren blind in die Arme liefen.

Mobiltelefon und Job

Siemens_veraltet-aMitarbeiter der Deutschen Bahn dürfen im Dienst ihr Privat-Handy angeblich gar nicht erst einschalten. Wird offenbar ignoriert. Was mich nicht wundert, wenn ich an das pure Entsetzen denke, das einen Abiturienten 2011 ergriff, als er sich vorstellte, später irgendwo zu arbeiten, wo ihm ein paar Stunden das Netz verwehrt wäre (mehr dazu hier).

Leider neigen Menschen grundsätzlich dazu, sich zu überschätzen. Ich fürchte, das ist der wichtigste Grund, warum die SZ-Foristen das Handy-Spiel kaum kommentieren: Sie glauben, ein Computer lenke nicht ab, und wenn, dann würde „man“ es doch merken. Glasklarer Irrtum. Man merkt nämlich nicht einmal unbedingt, wenn man kurz einschläft, etwa am Steuer. Abgelenkt sein ist biologisch viel harmloser – das merkt man erst recht nicht.

Dual Tasking, Multitasking und Displays

Siemens_veraltet-aAus wissenschaftlicher Sicht ist es absolut angezeigt, private Telefone oder Computer auszuschalten, wenn man sich konzentrieren muss, vor allem, wenn Leben und Tod davon abhängt. Wer eine Aufgabe bearbeitet und nebenbei das Handy im Blick (oder Ohr) hat, bearbeitet die Aufgabe schlechter und langsamer, ob im Job oder am Steuer.

Zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen heißt dual tasking, und das senkt die Leistung in beiden. Nicht manchmal, nicht oft, sondern iImmer. Multitasking erst recht. Man kann dual tasking ein klein wenig trainieren. Doch auch dann dauert es länger, wenn man auf Unvorhergesehenes reagieren muss. Besteht auch nur die leiseste Unfallgefahr bei einer der Tätigkeiten, kann es Tote geben. Im Straßenverkehr ist das Telefon inzwischen angeblich ziemlich häufig Unfallursache. Die Leute glauben es nicht. „Ich hab das im Griff“, behaupten sie. Wie alle Süchtigen, die ihre Sucht ignorieren.

Schlafen auf der Flucht: Schlafmangel

Die ZEIT berichtet in ihrer heutigen gedruckten Ausgabe, was Flüchtlinge in Hamburg und anderswo erleben und wie sie dieses Deutschland sehen, in dem sie angekommen sind. Die tageszeitung taz war etwas schneller. Sie hat derzeit eine eigene Rubrik zum Thema Flucht, das taz.fluchthilfe heißt. Beiden ist gemeinsam, dass sie (auch) die Flüchtlinge selbst befragen und nicht nur diejenigen, die ihnen helfen, die sie unterstützen oder die vor ihnen Angst haben. Ich möchte hier und in loser Folge später den Punkt aufgreifen, der in mein Blog gehört: Wie steht es eigentlich um den Schlaf auf der Flucht, bei der Ankunft und danach?

IMG_1210-a-mittelSchlafen im Erstaufnahmelager

Die ZEIT schickte eine Fotografin und eine Journalistin in ein Hamburger Erstaufnahmelager. Die erkundeten, wie es dort in der Nacht aussieht. Das Wichtigste: die meisten Flüchtlinge berichten, dass sie schlecht schlafen. Es ist nämlich laut, weil mehr als tausend Personen in einer Halle sogar dann einen erheblichen Schallpegel produzieren würden, wenn sie schlafen würden – was aber nicht einmal alle tun. Nicht erst lauter Krach raubt den meisten Menschen den Schlaf oder beeinträchtigt ihn zumindest, das können schon Schalle ab 50 dB. Das ist auch wissenschaftlich gut belegt. Die Flüchtlinge sind außerdem psychisch aufgewühlt, sie grübeln und machen sich Sorgen; auch das stört den Schlaf in der Regel.

Schlafen im Freien

Gibt man „Flüchtling“ und „Schlaf“ in eine Suchmaschine ein, erscheinen alle Artikel über Berlin, wo die Leute tagelang im Freien nächtigen mussten, weil das zuständige Amt überfordert war. Dass man im Freien nur in Ausnahmefällen ein paar  Stunden gut schläft – im Gebirge zum Beispiel, mit Daunenschlafsack und guter Isomatte – wissen alle, die es je versucht haben.

Schlafen auf der Flucht

Während der Flucht ist es noch schlechter. Es gibt nur wenige Glückliche, die immer und überall schlafen können. Den meisten Flüchtlingen fehlte jedoch auf ihrer Flucht höchstwahrscheinlich das, was guten und ausreichenden Schlaf ermöglicht: Entspannung, Ruhe und das Gefühl, sicher zu sein. Die Fluchtrouten, über die ständig in den Medien berichtet wird, bieten das nicht.

Bahngleise auf der BrennerstreckeErschöpfte am Münchner Hauptbahnhof

In den meisten Artikeln der Süddeutschen Zeitung über die Ankunft der Flüchtlinge auf dem Münchner Hauptbahnhof stand: sie wirken erschöpft. Das kommt nicht nur von der Anstrengung und der Not-Ernährung. Es kommt vor allem davon, dass sie garantiert viel zu wenig geschlafen haben. Wie bald sie ausreichend „nachschlafen“ können, ist gar nicht so sicher. Siehe oben.

Schlafmangel und Übermüdung haben psychische Folgen

Akuter Schafmangel bringt niemanden um und er macht auch nicht gleich krank. Trotzdem hat er seine Tücken: die Betroffenen können sich schlechter konzentrieren, sie können sich Dinge schlechter merken und sie denken langsamer als gewöhnlich. Vor allem aber verändert Schlafmangel ihre emotionale Grundstimmung: Je länger jemand zu wenig geschlafen hat, umso leichter ist er aus der Fassung zu bringen. Manche werden apathisch, andere aufbrausend bis aggressiv. Das sollte man bedenken, wenn man etwas über aggressive Ausbrüche in den Unterkünften hört. Aggressive Übergriffe kann man unter keinen Umständen dulden. Und dennoch: Man kann auch organisatorisch etwas tun, um sie seltener zu machen. Zum Beispiel beim Dach über dem Kopf auch auf gute Schlafmöglichkeiten achten. Es hilft nicht nur jedem einzelnen Flüchtlingen selbst.

Diesen Beitrag habe ich auch bei der Blogparade #Fluchtgeschichten eingestellt, die das Literaturfest München 2015 veranstaltet.

 

Lichtverschmutzung – Thema für den Biologieunterricht

Angeblich sind Lehrer ja wahlweise faul oder inkompetent, man kann das ständig überall lesen. Das ist glücklicherweise Unsinn.

PdN-Okt_2014_CoverTatsächlich überlegen sich viele sehr viel für ihre Schülerinnen und Schüler, jeweils einzeln, aber eben auch für ganze Klassen. Es ist nun mal nicht so, wie es kürzlich eine Seminarlehrerin auf den Punkt brachte, dass es sich diese Gesellschaft leistet, jedem Kind und allen Jugendlichen Privatlehrer zur Seite zu stellen. Statt dessen müssen sich die Lehrkräfte überlegen, wie sie locker mal 30 völlig verschiedenen jungen Persönlichkeiten etwas nahebringen können, was sie selbst superspannend finden, diese aber nicht unbedingt, jedenfalls nicht von selbst.

Praxis der Naturwissenschaften (PdN) – Biologie in der Schule: Oktoberheft 2014

Dr. Ole Müller aus Brandenburg ist einer der vielen engagierten. Er hat das letzte Heft der Zeitschrift „PdN – Biologie in der Schule“ herausgegeben. Thema: Lichtverschmutzung. Letztes Jahr war ja die Publikation des Bundesamts für Naturschutz zum Thema herausgekommen, die ich hier schon vorgestellt habe. Herr Müller hat sich total reingehängt, mit möglichen Autoren telefoniert, x-Mal gemailt, sich um Bilder gekümmert, die Texte genau gelesen und Rückmeldungen gegeben. Alles ehrenamtlich. Damit die Kolleginnen und Kollegen besseren Unterricht machen.

Woher ich das weiß? Weil ein Beitrag von mir ist.  Das Inhaltsverzeichnis finden Sie sofort auf der Webseite des Verlages.

Mein Beitrag in PdN-Biologie in der Schule: Jugendliche und Lichtverschmutzung

In meinem eigenen Artikel habe ich die wichtigste Literatur über die Auswirkungen unserer Lichtverschmutzung auf das chronobiologische System von Jugendlichen aufbereitet. Das steht ungefähr drin:

Kapitel 1: Zirkadiane Rhythmen, Licht und Lichtverschmutzung (Biologische Rhythmen und Zeitgeber).
Kapitel 2: Chronotypen und sozialer Jetlag (Morgen- und Abendtypen; Chronotyp, Adoleszenz und Lichtverschmutzung).
Kapitel 3: Jugendliche – Schlaf, Licht und Schulleistungen (Schlaf und jugendliche Chronotypen; Schlaf und Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen; Schlaf, Licht und Schulleistung).

Ein Ausflug in die Geographie

Außerdem gibt es einen Kasten zu dem Thema, was bei sämtlichen Diskussionen zum Thema Schlafengehen und Aufstehen gerne außer acht gelassen wird: Wie Sonnenlicht und Zeitmessung zusammenhängen. Das ist mir als gelernter Geographin ziemlich wichtig. Zum Beispiel: Dass man in Westspanien den Tag – nach Uhrzeit – erheblich später anfängen lässt. Nach Sonnenstand und Sonnenzeit ist es aber nicht anders als bei uns, weil in Westspanien wie hier die Mitteleuropäische Zeit gilt – die Sonnenzeit von Görlitz.

Teile aus dem Beitrag poste ich später mal. Momentan kann ich nur empfehlen, das ganze Heft beim Verlag zu bestellen. Die Beiträge sind nämlich allesamt ausgesprochen spannend.

Die „Entkriminalisierung“ des Schlafs

Neu ist es nicht, dass Schlaf als Zeitverschwendung betrachtet wird, als überflüssig oder einfach lasziv. Seit Jahrhunderten versprechen sich Menschen, religiös oder spirituell weiterzukommen, wenn sie weniger schlafen. Seit jedoch Calvin und andere Protestanten der strengeren Provenienz in Mittel- und Nordeuropa an Einfluss gewannen, begann man, den Schlaf generell zu verachten. Max Weber weist darauf hin. In seiner 1912 erschienenen Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ arbeitet er heraus, dass dieser Ethik gemäß ein gottgefälliges Leben mit Arbeit gefüllt ist, was sich im finanziellen Erfolg widerspiegelt. Mit dabei: wenig Schlaf. Max Weber zitiert Richard Baxter, einen Puritaner aus dem 17. Jahrhundert, der schreibt: „Zeitverlust durch Geselligkeit, »faules Gerede«, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich.“

Mit der „Sittlichkeit“ haben wir es heute nicht mehr so. Und dennoch gilt viel Schlaf als unmoralisch, ja bereits Baxters „sechs bis acht Stunden“ sprechen vielen schon für zweifelhafte Leistungsbereitschaft. Sie bewundern Leute, die wenig schlafen, gerne auch selbst – einige Einträge in diesem Blog befassen sich bereits damit.

Olaf Tscharnezki hat diese Negativhaltung wunderbar auf den Begriff gebracht: „Kriminalisierung des Schlafs“. Tscharnezki ist kein Spinner und kein Mitglied der Müßiggänger-Fraktion. Er ist Betriebsarzt, und zwar bei Unilever. Dort betreibt er, wie er in einem Interview für die „Initiative neue Qualität der Arbeit“ erklärt, die „Entkriminalisierung von Schlaf“. Konkret: Er hat in der Hamburger Zentrale eine „Ruheoase“ eingerichtet. Dort „dürfen“ sich Mitarbeiter erholen und sogar ein kleines Tagschläfchen halten, ohne gleich schief angeschaut zu werden. Tscharnezki konnte das durchsetzen, weil die Leute vor wenigen Jahren massiv vom Stress geplagt waren – 60 Prozent, fast zwei von drei Mitarbeitenden, klagten damals über schlechten Schlaf.

Nun können Schlafstörungen vielerlei Gründe haben. Doch sehr oft haben sie tatsächlich mit Stress am Arbeitsplatz zu tun. Der steigt, wenn die Leute über den Tag von ihrem Anspannungspegel nicht herunterkommen, und er steigt noch mehr, wenn sie abends an ihren Schreibtischen festkleben. Wer so arbeitet, kann abends nur schwer abschalten. Doch ausgerechnet Abschalten ist unerlässlich, um gut zu schlafen. Schlafen heißt, dass der Kopf „herunterfährt“. Das tut er nicht auf Befehl und schon gar nicht schnell. Dafür braucht er Zeit, und, wenn man so will, Übung: das sind die Pausen während des Tages. Möglicherweise in der Ruheoase.

So kommt Ihr Kind gut durch die Schule — 30 Tipps für Eltern

Soeben ist mein neuestes Buch erschienen, diesmal für Eltern. Das scheint mir ein guter Anlass, dieses Weblog wieder aufzunehmen, das eine Zeitlang leider ein wenig schlafen (sic!) musste.

Cover Knab_So_kommt_Ihr_Kind_gut_durch_die_Schule

In vier Teilen und insgesamt 30 Kapiteln geht es in diesem Buch um typische Fragen, mit denen sich Schülereltern beschäftigen. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Kinder gut durch die Schule begleiten wollen. Also so, dass die Kinder wenig Schulstress erleben, nicht unter Schulangst leiden und sich vor allem darüber freuen können, ständig ihre Kompetenzen zu erweitern. Soziale und kognitive Kompetenzen, die Emotionales immer einschließen. Mit dabei ist außerdem das Wichtigste zum Lernen aus der Neurowisssenschaft, insbesondere aus der Schlafforschung.

Der erste Teil beschäftigt sich mit Unterricht und Schulleben aus Sicht der Schüler, der zweite mit Schlafen und Wachen zwischen Kindheit und Pubertät, der dritte mit selbstständiger geistiger Arbeit und der vierte mit wichtigen allgemeinen Lebensthemen, die Schulleistungen beeinflussen können.

Ich habe in diesem Buch zusammengeführt, womit ich mich immer schon wissenschaftlich beschäftigt habe: Schlaf und Kognition, außerdem Neuropsychologie und klinische Psychologie. Das Inhaltsverzeichnis finden Sie hier, die ausführliche Literaturliste hier.

In der Münchner Volkshochschule halte ich einen Vortrag zum Thema am 12. März 2013, in der Volkshochschule Nord (nördlicher Landkreis München) je einen am 13. März und am 25. April, genaue Adressen und Uhrzeiten hier.