Schlafen – jetzt ein Nickerchen

Wer viel pennt, ist doof, und wer schnarcht, weckt nur die anderen: Am Tag des Schlafes wird mit Mythen aufgeräumt – streng wissenschaftlich. Damit Sie besser schlafen.

Seit alters brennen am 21. Juni die Sonnwendfeuer, die Menschen feiern und machen diese Nacht zum Tag. Ausgerechnet dieses Datum wählten vor Jahren zwei Frankfurter, um für guten Schlaf zu werben. Bis heute wird ihr Tag des Schlafes begangen. Dabei sagt der Volksmund, im Hochsommer brauche man sowieso wenig Schlaf und beim Feiern fast keinen. Stimmt nicht ganz, sagt die Wissenschaft. Anlass genug, um einmal sechs gängige Volksweisheiten zum Schlaf zu hinterfragen.

1. Wer im Sommer durchmacht, ist weniger müde

Am 21. Juni ist es in Hamburg erheblich länger hell als in Garmisch, am Nordpol fällt die Nacht sogar ganz aus. Nur in Äquatornähe sind Tage und Nächte ganzjährig nahezu gleich lang. Die Jahreszeiten beeinflussten den Schlaf früher stark; in den kurzen Sommernächten des Nordens schlief man systematisch kürzer als im Winter. Ist das vorbei, seit wir alles bis zum Nordkap flächendeckend beleuchten?

Offenbar nicht ganz, wie eine norwegische Arbeitsgruppe um Oddgeir Friborg nachwies (Friborg et al., 2011). 180 Menschen aus dem Norden Norwegens zeichneten ihren Schlaf auf, eine Woche im Januar und eine im August. 150 Einwohner Accras, der äquatornahen Hauptstadt Ghanas, taten dasselbe. Die Ghanaer schliefen das ganze Jahr über gleich lange. Die Norweger dagegen machten im Winter das Licht auch mal aus und schliefen länger, die endlose Dunkelheit machte sie trotz Kunstlicht müde. Ganz unabhängig von den Jahreszeiten ist der Mensch also auch heute nicht. Dass durchgemachte Sommernächte Schlaf ersetzen könnten, ist jedoch Wunschdenken.

2. Unter acht Stunden geht gar nichts

Normal seien acht Stunden Schlaf, heißt es oft. Diese Norm ploppt fast automatisch auf, wenn jemand nachts nicht schlafen kann und besagte acht Stunden nicht mehr möglich sind. Dann grübelt man schon mal: Werde ich deshalb die Prüfung vermasseln? Krank werden? Sterben? Stand der Forschung ist: Im Mittel schlafen gesunde Erwachsene sieben bis acht Stunden (Tinguely, Landolt, Cajochen, 2014). Wie jede Statistik taugt aber auch diese nicht als Maßstab für den Einzelfall. Es beginnt damit, dass die Schlafdauer im Lauf des Lebens sinkt, von 16 Stunden bei Säuglingen bis zu den knapp acht der Erwachsenen. Dazwischen liegen die Jugendlichen, auch wenn viele es nicht gerne hören, dass sie noch neun Stunden brauchen.

Um diese Mittelwerte herum gibt es Bandbreiten des Richtigen; manche Menschen brauchen mehr als ihre Altersgruppe, andere kommen mit weniger aus. „Richtig“ hängt an einer Frage: Wie wach und leistungsfähig bin ich tagsüber? Wer unwillkürlich einschläft, ob am Steuer oder auf der Schulbank, hat ein klares Schlafdefizit. Wer außerhalb der Mittagsschlafzeit länger müde ist, auch.

3. Wer viel pennt, ist doof

Alles zwischen fünf und zehn Stunden Schlafbedürfnis kann normal sein. Trotzdem gilt hierzulande als faul, wer zehn Stunden braucht, meist sogar als geistig minderbemittelt. Dabei gehörten zwei unbestritten Hochintelligente zur Zehn-Stunden-Fraktion: Einstein und Goethe. Es gibt Kluge und weniger Kluge bei Langschläfern wie Kurzschläfern, Intelligenz und individuelles Schlafbedürfnis haben bei Erwachsenen nichts miteinander zu tun. Dennoch hält sich der Mythos hartnäckig, vor allem unter Menschen, die gerne als Leistungsträger betitelt werden, ganz im Sinne von Napoleons Behauptung: „Vier Stunden braucht der Mann, fünf die Frau und sechs der Idiot“.

Tatsächlich können wir zeitweise absichtlich kürzer schlafen, ohne gleich krank zu werden. Geistig leistungsfähig sind wir dann allerdings deutlich weniger und emotional ausgeglichen auch nicht (Weber et al., 2014). Bei Kindern scheint die Sache klarer, wenn auch umgekehrt. Kinder, die länger, vor allem aber besser schlafen, erzielen höhere Leistungen beim Denken und in Intelligenztests (Gruber et al., 2010).

4. Drei Tage wach mit Koffein und Kippe?

Koffein, Alkohol und Nikotin – unsere Alltagsdrogen sind legal, unangenehme Nebenwirkungen haben sie trotzdem, auch in Sachen Schlaf (Garcia, Candidate, Salloum, 2015). Alkohol gilt direkt als Schlummertrunk. Tatsächlich schläft schneller ein, wer einmal etwas trinkt, besser schläft er aber nicht. Wer regelmäßig trinkt, verspielt den Effekt. Auf Dauer riskiert er sogar ein echtes Schlafproblem, und das lange vor der Sucht.

Koffein und Nikotin nehmen wir ausdrücklich, um wach zu sein. Sehr viel Koffein steckt in Kaffee, weniger in Tee und Cola-Getränken, sehr wenig in Schokolade. Koffein weckt objektiv und oft länger, als uns lieb ist. Es kann nämlich bis zu fünf Stunden dauern, bis auch nur die Hälfte des Koffeins abgebaut ist. Mit Koffein im Blut schläft man schwerer ein, und der Schlaf wird flach und kurz. Auch Nikotin macht wach. Noch Stunden nach der letzten Zigarette kann es den Schlaf stören, und das auch langfristig. Zumindest schläft fast jeder dritte Raucher regelmäßig schlecht, auch wenn er sonst gesund ist (Cohrs et al., 2012). Das sind 50 Prozent mehr als bei vergleichbaren Nichtrauchern. Je mehr man raucht, umso riskanter wird es.

5. Wer schnarcht, hat selbst keine Probleme

Schnarchen ist laut, manchmal peinlich und meistens unschön. Aber es stört doch nur die anderen? Dieser Mythos hat schon viel Leid verursacht. Häufig ist Schnarchen nämlich alles andere als harmlos, sondern ein wichtiges Symptom der obstruktiven Schlafapnoe. Bei dieser Krankheit setzt nachts der Atem mehrmals pro Stunde aus, weil die Luftröhre kurz gewissermaßen in sich zusammenfällt. Dann gelangt keine Luft mehr in die Lunge und damit ins Gehirn. Das wird schnell lebensgefährlich, deshalb sorgt das Gehirn dafür, dass ein ganz besonders tiefer, besonders lauter Atemzug den Sauerstoffpegel wieder erhöht. Der Betroffene wacht nicht unbedingt auf, ist aber tagsüber müde. Auf lange Sicht riskiert er Herzinfarkt und Schlaganfall.

Deshalb sollte man gegensteuern, notfalls mit einer Sauerstoffmaske. Es gibt einige Versuche, eine Diagnose allein an der Art des Schnarchens festzumachen. Doch bisher taugen die Methoden allesamt noch nicht, wie Hui Jin und Kollegen aus dem chinesischen Guangzhou kürzlich berichteten (Jin et al., 2015). Man muss immer noch ins Schlaflabor.

6. Gut schläft, wer vor Mitternacht im Bett liegt

Wer in 24/7-Zeiten den Schlaf vor Mitternacht noch für den besten hält, geht als mythengläubig durch. Wo man doch morgens nach der Party super schläft. Leider nur ein neuer Mythos. Der Schlaf ist in sich gegliedert und verläuft in 90-Minuten-Zyklen, notfalls auch mittags.

Jeder Zyklus beginnt mit Leichtschlaf und endet mit REM-Schlaf (rapid eye movement); da bewegen sich die Augen schnell und wir träumen die richtig verrückten Geschichten. Dazwischen kann es Tiefschlaf geben. Im Tiefschlaf sind wir schwer zu wecken, und er ist besonders erholsam – es hat durchaus eine Logik, ihn als den „besten“ zu bezeichnen. Doch Tiefschlaf gibt es bevorzugt in den ersten beiden Zyklen, und das nur, wenn auch die Körpertemperatur stimmt.

Die ist gerade richtig, solange sie am Fallen ist. Das tut sie zwölf Stunden lang bis zum Tiefpunkt in der zweiten Nachthälfte. Er liegt bei Morgentypen früher, bei Abendtypen später, man nennt ihn auch „biologische Mitternacht“ (Zulley, Knab, 2015). Danach wird es schwierig mit dem Tiefschlaf. Es gibt ein Zeitfenster für den „besten“ Schlaf. Die gute Nachricht: Um 24 Uhr ist es noch nicht geschlossen.

Dieser Beitrag wurde zuerst am 21. 6. 2017 auf ZEIT-online veröffentlicht

Schlafmittel

„Wer ein Schlafmittel eingenommen hat, ist zwar meist nicht mehr wach; aber richtig schlafen wird er selten“. Das ist die Übersetzung. Im Wissenschaftsdeutsch war der Satz ein Fazit eines der besten Vorträge, die ich beim Berliner Psychiaterkongress im November 2016 gehört habe. Gehalten hat ihn Dieter Kunz. Der ist im Hauptberuf Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin in Berlin und leitet außerdem die Arbeitsgruppe Chronobiologie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Er hat mir für einen Psychologie-heute-Beitrag auch schon sehr präzise auf meine Fragen zur 24-Stunden-Gesellschaft geantwortet.

Der jährliche DGPPN-Kongress

DGPPN-Kongress Berlin 2015

DGPPN-Kongress Berlin 2015

Den Kongress richtet die DGPPN jährlich aus, die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Er ist die Leistungsschau der einschlägigen deutschsprachigen Wissenschaftler. Das Publikum: Tausende praktisch tätige Leute aus der Psychobranche des Gesundheitssystems, die sich untereinander austauschen, vor allem aber ihr professionelles Wissen und Können auffrischen. Schlaf und Schlafstörungen inbegriffen. In Kapitel F, dem fünften, listet das ICD-Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation die „Psychischen und Verhaltensstörungen“. Die Schlafstörungen in Unterkapitel 51 gelten als eher unspektakulär, ein bisschen wie das Aschenputtel der Psychoberufe.

Schlaf – wichtig für das gesamte Leben

Aufstehen mit der Sonne - Varanasi/UP Indien

Aufstehen mit der Sonne – Varanasi/Indien © B.Knab

Doch in den letzten Jahren hat die Schlafforschung das Aschenputtel auf die große Bühne befördert. Inzwischen weiß man, dass Schlaf zum einen die klassischen, zentralen Themen der Psychologie erheblich beeinflusst: Denken, Fühlen und Wollen, oder auch: Kognition, Emotion und Motivation. Zum anderen haben die meisten Menschen mit psychischen Störungen auch Probleme mit dem Schlaf, mal mehr, mal weniger. Das verschlechtert ihre psychische Verfassung am Tage unter Umständen zusätzlich.

Die Psychiater hingen gebannt an Kunz‘ Lippen, der vortrug, was das Gehirn im Schlaf tut  und was Schlafmittel verändern. Der richtige Schlaf (samt „Schlafplot“ – in diesem Blog 22.9.2014): Leichtschlaf, Tiefschlaf und REM-Schlaf folgen regelmäßig aufeinander, das dauert 90 Minuten, und dann von vorne. Spindeln sind schnelle, sehr wachnahe Wellen. Deltawellen sind langsam. Spindeln markieren Leichtschlaf, Deltawellen Tiefschlaf, schöne Entspannung gibt’s im REM (neben Träumen in allen Varianten).

Was Schlafmittel im Gehirn bewirken

Ein Benzodiazepin ruft keinen solchen Schlaf hervor. Unter seinem Einfluss produziert das Gehirn viel mehr Spindeln als normal, und zwar in jedem Stadium und die ganze Nacht durch. Dieser Schlaf kann die üblichen Funktionen für Kognition und Erholung nicht gewährleisten. Abgesehen davon, dass diese Mittel süchtig machen. Das gilt zwar teilweise auch für die Z-Medikamente, doch Massen von Spindeln verursachen die nicht.

Sedierende (beruhigende) Antidepressiva machen nicht süchtig, weshalb viele Psychiater sie gerne gegen Schlafstörungen verschreiben. Aber sie verändern etwas anderes im Schlaf: mit einem Antidepressivum kommt man nicht nach einer guten Stunde im REM an – Kunz zeigte beeindruckende Schlafplots dazu –, sondern erst nach fünf. Dummerweise wissen wir heute, dass REM unerlässlich für diverse Gedächtnisprozesse ist, was nicht zuletzt Kunz‘ eigene Arbeitsgruppe belegt hat (hier der Originalbeitrag). Eine Option für richtigen Schlaf sind Antidepressiva deshalb auch nicht.

Erzwingen kann man guten Schlaf noch immer nicht wirklich. Lebensnotwendig ist er trotzdem. Insofern könnte er immer mehr ins Blickfeld der öffentlichen Gesundheitsfürsorge werden. Gewährleistung der Nachtruhe inklusive.

Mehr falsche Geständnisse nach Schlafentzug

Der Schlaf und die Psychologie kognitiver Leistungen werden schon länger gemeinsam untersucht. Diese Forschung hat gezeigt, wie (wenig) leistungsfähig Menschen sind, die nicht ausgeschlafen sind oder einfach zu lange auf den Beinen waren. Auch ich habe auf diesem Blog schon öfter etwas dazu geschrieben.

Wenn ich in einem Vortrag graphisch zeige, wie sich die Konzentrationsfähigkeit mit jeder Stunde Wachsein verändert (hier keine Graphik, sorry), dann ziehen die Leute regelmäßig die Luft durch die Zähne: Nach 23 Stunden Wachsein sind wir nämlich so „gut“ konzentriert wie mit einem vollen Promille Alkohol im Blut.

Mythos - keine falsche Erinnerung

Mythos – keine falsche Erinnerung

Falsche Erinnerungen

Ein Teil der Gedächtnispsychologie befasst sich mit „falschen Erinnerungen“ (z.B. Kapitel 3 in „Das Gedächtnis. Die etwas andere Gebrauchsanweisung„). Das sind Erinnerungen an unser eigenes Leben, die verdreht, verändert, ausgeweitet, verkürzt oder manchmal frei erfunden sind. Das hat verschiedene Gründe. Etwa: wir speichern Lebens-Erinnerungen nicht eins zu eins ab, sondern vor allem das Gerüst, den roten Faden (engl.: gist). Beim Abruf können dann Fehler passieren, je plausibler, umso wahrscheinlicher. Ein anderer: wir können uns viele Geschichten ausdenken. Je intensiver wir das tun, umso unsicherer werden wir, ob es nicht doch wirklich so passiert ist. Das kann man sogar psychotherapeutisch nutzen. Ein dritter: wir sind soziale Wesen. Wenn uns eine vertrauenswürdige Person versichert, wir hätten dann und dann dies oder jenes gesagt oder getan, dann nehmen das einige schon mal für bare Münze. Das ist dann eine induzierte falsche Erinnerung. Oder Suggestion.

Wann entstehen falsche Erinnerungen besonders leicht?

Nun ist es interessant, ob solche Suggestionen bei bestimmten Persönlichkeiten auf besonders fruchtbaren Boden fallen, oder ob sie in bestimmten Situationen häufiger sind. Gerade eben hat eine Arbeitsgruppe um Elizabeth Loftus, die Grande Dame der „False-memory“-Forschung, eine solche Studie vorgestellt. Sie nimmt den Schlaf in den Blick – und falsche Geständnisse.

Schlafentzug macht falsche Geständnisse sehr viel wahrscheinlicher

Die Probanden bearbeiteten abends eine Aufgabe. Sie wurden eindringlich davor gewarnt, auf die esc-Taste zu drücken. Taten sie auch nicht. Nun durfte die Hälfte in der nachfolgenden Nacht ganz normal schlafen, die andere nicht. Nach einer durchwachten Nacht ließen sich die Leute mit dreimal so hoher Wahrscheinlichkeit einreden, doch auf escape gedrückt zu haben, als nach normalem Schlaf. Ganz besonders anfällig dafür war, wer generell dazu neigt, impulsiv zu urteilen. Impulsiv urteilt, wer sehr schnell urteilt, ohne nochmal kritisch die Fakten zu checken.

Generell gestehen Menschen, die suggestiv verhört werden, sogar kriminelle Handlungen, die sie gar nicht begangen haben. In den USA, sagt die Studie, falle mindestens jedes sechste Geständnis unter die „falschen“. Nach dieser Studie nun muss man damit rechnen, dass unter Schlafentzug ein falsches Geständnis noch viel wahrscheinlicher ist. Wer also zulässt, dass unausgeschlafene Angeklagte verhört werden, womöglich noch mit suggestiven Methoden, riskiert den Rechtsstaat.

Schlaflieder – Schlafen und Musik

Gerade kam das neue Heft der Psychologie heute heraus. Darin steht auch mein neuester langer Artikel. Dort habe ich mich zwar weder dem Schlaf noch der Chronobiologie gewidmet, sondern der Musik. Aber die kann den Schlaf nicht nur stören, Stichwort dröhnende Bässe der Nachbarn. Sie kann ihn auch bahnen, Stichwort Schlaflied. Deshalb hier ein kleiner Hinweis.

Psychologie-heute August 2016 Beitrag Barbara Knab Musik

Psychologie-heute August 2016 Beitrag Barbara Knab Musik

Musikpsychologie

Der Titel des Beitrags heißt „Mit Musik wachsen“, und ich habe darin Geschichten und psychologische Studien zur Musik vorgestellt. Nicht Musiktherapie, sondern Musikpsychologie. Die möchte Fragen beantworten wie: Warum mögen wir Musik? Welche Musik mögen wir? Wann hören wir Musik? Wie ist es, wenn Kinder selbst musizieren lernen? Was geschieht, wenn Menschen sich mit der Musik einer anderen Kultur beschäftigen? Momentan kann man das Heft im Handel kaufen, Sie können aber auch genau meinen Artikel elektronisch bestellen, nämlich hier.

Musik – entspannt, konzentriert und typisch menschlich

Der Beitrag ist von der Zeitschrift superschön illustriert mit einem Mädchen, das pfeift und dirigiert, Sie sehen es oben direkt in der aufgeschlagenen Zeitschrift. Die Kleine ist ganz offensichtlich nicht nur froh, sondern auch hochkonzentriert. Wen sie da dirigiert und welche Melodie sie mitpfeift? Keine Ahnung. Musizieren schafft es jedenfalls nicht nur bei ihr, gleichzeitig höchste Konzentration und höchste Entspannung hervorzurufen. Flow nennt man das ja gerne.

Jede, absolut jede menschliche Kultur dieser Erde hat Musik, was manche Menschenfeinde nicht daran hindert, sie ächten zu wollen. Der Ursprung der Musik liegt vermutlich in der Babysprache, der Art, wie Erwachsene mit Babies reden. Mit dem Ausdruck „duziduzi“ hat sogar der Gerhard Polt mal eine etwas weniger poltrige Stimme aufgelegt.

Wiegenlied und Schlaflied

Noch ein bisschen weicher, und man ist beim Schlaflied. Alle Menscheneltern singen ihren Kindern Schlaflieder, um sie zu beruhigen und ihnen Gewissheit zu geben, dass die Umgebung sicher ist und alles in Ordnung. Womöglich brauchen Kinder Schlaflieder. Könnte auch ein in den Schlaf gesungenes Kind später auf die schreckliche Idee kommen, Musik sei unmoralisch? Man kann nur einschlafen, wenn man sich seelisch und körperlich entspannen, Pause machen kann. Auch manchen Erwachsenen fällt das leichter, wenn sie Musik hören. Nicht grade Hiphop oder sowas. Leise halt und rhythmisch ruhig.

CD-Cover_African-Dreams. Schlaf- und Wiegenlieder

CD-Cover_African-Dreams. Schlaf- und Wiegenlieder

CDs mit Schlafliedern

Die Firma Ellipsis Arts hat Schlaflieder aus aller Welt gesammelt, auf Englisch Lullabies. Die CDs heißen Mamas‘ Lullabies, Papa’s Lullabies usw. Eine davon heißt „African Dreams. Lullabies and Cradle Songs from the Motherland„. Vielleicht hat die kleine Dirigentin eins davon immer wieder gehört als kleines Kind? Oder doch eher: Schlaf, Kindlein, schlaf?

Gut schlafen im Nachtzug – vorbei?

Istanbul Express -heute im Museum

Istanbul-Express – nur noch im Museum. Demnächst alle Nachtzüge?

Die Urlaubszeit beginnt – und die Bahn verkündet allen Ernstes, ihre schon früher geäußerten absurden Sparmaßnahmen mit dem Winterfahrplan in die Tat umsetzen zu wollen. Sie möchte die Nachtzüge abschaffen. Jedenfalls die, in denen das möglich ist, womit sie bisher für die sogenannte City Night Line geworben hat: „Sie reisen im Schlaf und wachen morgens am Zielort aus“ – und: „Sie kommen ausgeruht direkt im Stadtzentrum an“. Super Zeitmanagement. Falls man schlafen kann.

Schlafen?– richtig gut nur im Liegen

ICE - der Lieblingszug der DB

ICE- nachts ziemlich ungeeignet

Schlafen allerdings ist nur dann wirklich erholsam, wenn man liegt. Zwar sind Liege- und Schlafwägen ein wenig laut – aber so lange, dass man am nächsten Tag  einigermaßen fit ist, schläft man dort schon. Sitzend im ICE ist das erheblich schwerer, und zu allem Überfluss schlägt es sich aufs Kreuz. Sitzen ist nun mal nicht die beste Haltung für das Lebewesen Mensch – und viele Stunden nachts schon gleich gar nicht. Tatsächlich hat die Bahn angekündigt, die Nachtfahrer in die ICEs zu verbannen, also zu vergraulen – mit 250 km/h und im Sitzen. Wie intelligent! Nach einer Nacht im Sitzen ist man nicht ausgeruht. Wer das Gegenteil behauptet, hat keine Ahnung vom Schlaf oder lügt einfach.

Die Bahnoberen – keine Bahnnutzer?

Dieser neueste Coup zeigt wieder mal, was die oberen Etagen der Bahn mit dem ihnen anvertrauten Unternehmen tun: es kaputtsparen. Selbst zu nutzen scheinen sie es nie, sonst würden sie sich solche Schildbürgerstreiche  sparen. Niemals kämen hochbezahlte BMW-Mitarbeiter auf die Idee, etwas anderes als BMW zu fahren. Die Bahnoberen? Fahren Auto. Obwohl sie eine Netzkarte haben (BahnCard 100), für die 1. Klasse, wie es heißt; diese „Perlen“ landen offensichtlich an der falschen Stelle.

Liege- und Schlafwagennutzer fahren begeistert Bahn

Die Bahn braucht Menschen, die von der Fortbewegung auf Schienen überzeugt sind, nicht nur solche, deren Auto gerade in der Werkstatt ist. Leute, die weitertragen, dass Eisenbahnfahren super ist – lesen, arbeiten, dösen, Zeit haben, herumlaufen, essen, sogar im Speisewagen, umweltfreundlich, manchmal nette Leute, alles gehört dazu. Die meisten dieser Überzeugten haben schon lange Strecken nachts zurückgelegt. Im Schlaf- oder Liegewagen. Oder im Abteil quer liegend. Niemals im Pseudo-Nachtzug ICE-Großraumwagen. Nicht wenige wurden erst zu begeisterten Zugfahrern, nachdem sie im Liegewagen unterwegs waren.

Süddeutsche Zeitung trauert um die echten Nachtzüge

Bahnhof Rovereto

Bahnhof Rovereto – die Nachtfahrt über den Brenner ist vorbei

Am 1. 6. 2016 hat Matthias Drobinsky in der Süddeutschen einen wunderschönen Nachruf auf die Nachtreisen geschrieben. Überschrift sehr passend: „Mord im Orientbus“? Klar, wäre völlig schwachsinnig. Eine spannende Geschichte kann nur im Orientexpress spielen. Subtext Drobinsky: So dumm muss man erst mal sein wie die Bahnoberen.

Rettet die Nachtzüge der DB (und die Autozüge auch)

Die zugehörige Unterschriftenkampagne läuft noch. Die ersten 28.882  Unterschriften wurden zwar bereits in Berlin überreicht. Doch mit jeder weiteren steigt die Chance, dass sich auch der Petitionsausschuss des Bundestages damit befasst. Immerhin vertritt der Bundestag alle Eigentümer. Uns.